Über Gewißheit

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Ludwig Wittgenstein

Über Gewißheit

 

Diese digitale Ausgabe ist eine Reproduktion von L. Wittgenstein, Über Gewißheit. Herausgegeben von G. E. M. Anscombe und G. H. von Wright. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1970. Dieses Werk ist gemeinfrei, weil seine urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für das Herkunftsland des Werks und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 oder weniger Jahren nach dem Tod des Urhebers.



Ludwig Wittgenstein

Über Gewißheit


1. Wenn du weißt, daß hier eine Hand1 ist, so geben wir dir alles übrige zu.

(Sagt man, der und der Satz lasse sich nicht beweisen, so heißt das natürlich nicht, daß er sich nicht aus andern herleiten läßt; jeder Satz läßt sich aus andern herleiten. Aber diese mögen nicht sicherer sein als er selbst.) (Dazu eine komische Bemerkung H. Newmans.)

2. Daß es mir – oder Allen – so scheint, daraus folgt nicht, daß es so ist. Wohl aber läßt sich fragen, ob man dies sinnvoll bezweifeln kann.

3. Wenn z. B. jemand sagt »Ich weiß nicht, ob da eine Hand ist«, so könnte man ihm sagen »Schau näher hin«. – Diese Möglichkeit des Sichüberzeugens gehört zum Sprachspiel. Ist einer seiner wesentlichen Züge.

4. »Ich weiß, daß ich ein Mensch bin.« Um zu sehen, wie unklar der Sinn des Satzes ist, betrachte seine Negation. Am ehesten noch könnte man ihn so auffassen: »Ich weiß, daß ich die menschlichen Organe habe.« (Z. B. ein Gehirn, welches doch noch niemand gesehen hat.) Aber wie ist es mit einem Satze wie »Ich weiß, daß ich ein Gehirn habe«? Kann ich ihn bezweifeln? Zum Zweifeln fehlen mir die Gründe! Es spricht alles dafür, und nichts dagegen. Dennoch läßt sich vorstellen, daß bei einer Operation mein Schädel sich als leer erwiese.

5. Ob sich ein Satz im Nachhinein als falsch erweisen kann, das kommt auf die Bestimmungen an, die ich für diesen Satz gelten lasse.

6. Kann man nun (wie Moore) aufzählen, was man weiß? So ohne weiteres, glaube ich, nicht. – Es wird nämlich sonst das Wort »Ich weiß« gemißbraucht. Und durch diesen Mißbrauch scheint sich ein seltsamer und höchst wichtiger Geisteszustand zu zeigen.

7. Mein Leben zeigt, daß ich weiß oder sicher bin, daß dort ein Sessel steht, eine Tür ist usf. Ich sage meinem Freunde z. B. »Nimm den Sessel dort«, »Mach die Tür zu«, etc., etc.

8. Der Unterschied des Begriffs »wissen« vom Begriff »sicher sein« ist gar nicht von großer Wichtigkeit, außer da, wo »Ich weiß« heißen soll: Ich kann mich nicht irren. Im Gerichtssaal z. B. könnte in jeder Zeugenaussage statt »Ich weiß« »Ich bin sicher« gesagt werden. Ja, man könnte es sich denken, daß das »Ich weiß« dort verboten wäre. [Eine Stelle im Wilhelm Meister, wo »Du weißt« oder »Du wußtest« im Sinne »Du warst sicher« gebraucht wird, da es sich anders verhielt, als er wußte.]

9. Bewähre ich nun im Leben, daß ich weiß, daß da eine Hand (nämlich meine Hand) ist?

10. Ich weiß, daß hier ein kranker Mensch liegt? Unsinn! Ich sitze an seinem Bett, schaue aufmerksam in seine Züge. – So weiß ich also nicht, daß da ein Kranker liegt? – Es hat weder die Frage noch die Aussage Sinn. So wenig wie die: »Ich bin hier«, die ich doch jeden Moment gebrauchen könnte, wenn sich die passende Gelegenheit dazu ergäbe. – So ist also auch »2 × 2 = 4« Unsinn und kein wahrer arithmetischer Satz, außer bei bestimmten Gelegenheiten? »2 × 2 = 4« ist ein wahrer Satz der Arithmetik – nicht »bei bestimmten Gelegenheiten« noch »immer« – aber die Laut- oder Schriftzeichen »2 × 2 = 4« könnten im Chinesischen eine andere Bedeutung haben oder aufgelegter Unsinn sein, woraus man sieht: nur im Gebrauch hat der Satz Sinn. Und »Ich weiß, daß hier ein Kranker liegt«, in der unpassenden Situation gebraucht, erscheint nur darum nicht als Unsinn, vielmehr als Selbstverständlichkeit, weil man sich verhältnismäßig leicht eine für ihn passende Situation vorstellen kann und weil man meint, die Worte »Ich weiß, daß ...« seien überall am Platz, wo es keinen Zweifel gibt (also auch dort, wo der Ausdruck des Zweifels verständlich wäre).

11. Man sieht eben nicht, wie sehr spezialisiert der Gebrauch von »Ich weiß« ist.

12. – Denn » Ich weiß ... « scheint einen Tatbestand zu beschreiben, der das Gewußte als Tatsache verbürgt. Man vergißt eben immer den Ausdruck »Ich glaubte, ich wüßte es«.

13. Es ist nämlich nicht so, daß man aus der Äußerung des Andern »Ich weiß, daß es so ist« den Satz »Es ist so« schließen könnte. Auch nicht aus der Äußerung und daraus, daß sie keine Lüge ist. – Aber kann ich nicht aus meiner Äußerung »Ich weiß etc.« schließen »Es ist so«? Doch, und aus dem Satz »Er weiß, daß dort eine Hand ist« folgt auch »Dort ist eine Hand«. Aber aus seiner Äußerung »Ich weiß ...« folgt nicht, er wisse es.

14. Es muß erst erwiesen werden, daß er’s weiß.

15. Daß kein Irrtum möglich war, muß erwiesen werden. Die Versicherung »Ich weiß es« genügt nicht. Denn sie ist doch nur die Versicherung, daß ich mich (da) nicht irren kann, und daß ich mich darin nicht irre, muß objektiv feststellbar sein.

16. »Wenn ich etwas weiß, so weiß ich auch, daß ich’s weiß, etc.«, kommt darauf hinaus, »Ich weiß das« heiße »Ich bin darin unfehlbar«. Ob ich aber das bin, muß sich objektiv feststellen lassen.

17. Angenommen nun, ich sage »Ich bin darin unfehlbar, daß das ein Buch ist« – ich zeige dabei auf einen Gegenstand. Wie sähe hier ein Irrtum aus? Und habe ich davon eine klare Vorstellung?

18. »Ich weiß es« heißt oft: Ich habe die richtigen Gründe für meine Aussage. Wenn also der Andre das Sprachspiel kennt, so würde er zugeben, daß ich das weiß. Der Andre muß sich, wenn er das Sprachspiel kennt, vorstellen können, wie man so etwas wissen kann.

19. Die Aussage »Ich weiß, daß hier eine Hand ist« kann man also so fortsetzen, »es ist nämlich meine Hand, auf die ich schaue«. Dann wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln, daß ich’s weiß. – Auch der Idealist nicht; sondern er wird sagen, um den praktischen Zweifel, der beseitigt ist, habe es sich ihm nicht gehandelt, es gebe aber noch einen Zweifel hinter diesem. – Daß dies eine Täuschung ist, muß auf andre Weise gezeigt werden.

20. »Die Existenz der äußeren Welt bezweifeln« heißt ja nicht, z. B., die Existenz eines Planeten bezweifeln, welche später durch Beobachtung bewiesen wird. – Oder will Moore sagen, das Wissen, hier sei seine Hand, ist von andrer Art als das, es gebe den Planeten Saturn? Sonst könnte man den Zweifelnden auf die Entdeckung des Planeten Saturn hinweisen und sagen, seine Existenz sei nachgewiesen worden, also auch die Existenz der äußeren Welt.

21. Moores Ansicht läuft eigentlich darauf hinaus, der Begriff »wissen« sei den Begriffen »glauben«, »vermuten«, »zweifeln«, »überzeugt sein« darin analog, daß die Aussage »Ich weiß ...« kein Irrtum sein könne. Und ist es so, dann kann aus einer Äußerung auf die Wahrheit einer Behauptung geschlossen werden. Und hier wird die Form »Ich glaubte zu wissen« übersehen. – Soll aber diese nicht zugelassen werden, dann muß ein Irrtum auch in der Behauptung logisch unmöglich sein. Und dies muß einsehen, wer das Sprachspiel kennt; die Versicherung des Glaubwürdigen, er wisse es, kann ihm dabei nicht helfen.

22. Es wäre doch merkwürdig, wenn wir dem Glaubwürdigen glauben müßten, der sagt »Ich kann mich nicht irren«; oder dem, der sagt »Ich irre mich nicht«.

23. Wenn ich nicht weiß, ob Einer zwei Hände hat (z. B., ob sie ihm amputiert worden sind oder nicht), werde ich ihm die Versicherung, er habe zwei Hände, glauben, wenn er glaubwürdig ist. Und sagt er, er wisse es, so kann mir das nur bedeuten, er habe sich davon überzeugen können, seine Arme seien also z. B. nicht noch von Decken und Verbänden verhüllt, etc., etc. Daß ich dem Glaubwürdigen hier glaube, kommt daher, daß ich ihm die Möglichkeit, sich zu überzeugen, zugestehe. Wer aber sagt, es gäbe (vielleicht) keine physikalischen Gegenstände, tut das nicht.

24. Die Frage des Idealisten wäre etwa so: »Mit welchem Recht zweifle ich nicht an der Existenz meiner Hände?« (Und darauf kann die Antwort nicht sein: »Ich weiß, daß sie existieren.«) Wer aber so fragt, der übersieht, daß der Zweifel an einer Existenz nur in einem Sprachspiel wirkt. Daß man also erst fragen müsse: Wie sähe so ein Zweifel aus? und es nicht so ohne weiteres versteht.

25. Auch darin, »daß hier eine Hand ist«, kann man sich irren. Nur unter bestimmten Umständen nicht. – »Auch in einer Rechnung kann man sich irren – nur unter gewissen Umständen nicht.«

26. Aber kann man aus einer Regel ersehen, unter welchen Umständen ein Irrtum in der Verwendung der Rechenregeln logisch ausgeschlossen ist?

Was nützt uns so eine Regel? Könnten wir uns bei ihrer Anwendung nicht (wieder) irren?

27. Wollte man aber dafür etwas Regelartiges angeben, so würde darin der Ausdruck »unter normalen Umständen« vorkommen. Und die normalen Umstände erkennt man, aber man kann sie nicht genau beschreiben. Eher noch eine Reihe von abnormalen.

28. Was ist »eine Regel lernen«? – Das.

Was ist »einen Fehler in ihrer Anwendung machen«? – Das. Und auf was hier gewiesen wird, ist etwas Unbestimmtes.

29. Das Üben im Gebrauch der Regel zeigt auch, was ein Fehler in ihrer Verwendung ist.

30. Wenn Einer sich überzeugt hat, so sagt er dann: »Ja, die Rechnung stimmt«, aber er hat das nicht aus dem Zustand seiner Gewißheit gefolgert. Man schließt nicht auf den Tatbestand aus der eigenen Gewißheit.

Die Gewißheit ist gleichsam ein Ton, in dem man den Tatbestand feststellt, aber man schließt nicht aus dem Ton darauf, daß er berechtigt ist.

31. Die Sätze, zu denen man, wie gebannt, wieder und wieder zurückgelangt, möchte ich aus der philosophischen Sprache ausmerzen.

32. Es handelt sich nicht darum, daß Moore wisse, es sei da eine Hand, sondern darum, daß wir ihn nicht verstünden, wenn er sagte »Ich mag mich natürlich darin irren«. Wir würden fragen: »Wie sähe denn so ein Irrtum aus?« – z. B. die Entdeckung aus, daß es ein Irrtum war?

33. Wir merzen also die Sätze aus, die uns nicht weiterbringen.

34. Wem man das Rechnen beibringt, wird dem auch beigebracht, er könne sich auf eine Rechnung des Lehrers verlassen? Aber einmal müßten doch diese Erklärungen ein Ende haben. Wird ihm auch beigebracht, er könne sich auf seine Sinne verlassen – weil man ihm allerdings in manchen Fällen sagt, man könne sich in dem und dem besonderen Fall nicht auf sie verlassen? –

Regel und Ausnahme.

35. Aber kann man sich nicht vorstellen, es gäbe keine physikalischen Gegenstände? Ich weiß nicht. Und doch ist »Es gibt physikalische Gegenstände« Unsinn. Soll es ein Satz der Erfahrung sein? – Und ist das ein Erfahrungssatz: »Es scheint physikalische Gegenstände zu geben«?

36. Die Belehrung »A ist ein physikalischer Gegenstand« geben wir nur dem, der entweder noch nicht versteht, was »A« bedeutet, oder was »physikalischer Gegenstand« bedeutet. Es ist also eine Belehrung über den Gebrauch von Worten und »physikalischer Gegenstand«, ein logischer Begriff. (Wie Farbe, Maß, ...) Und darum läßt sich ein Satz

»Es gibt physikalische Gegenstände« nicht bilden.

Solchen verunglückten Versuchen begegnen wir aber auf Schritt und Tritt.

37. Ist es aber eine genügende Antwort auf die Skepsis der Idealisten oder die Versicherungen der Realisten [zu sagen, daß der Satz] »Es gibt physikalische Gegenstände« Unsinn ist? Für sie ist es doch nicht Unsinn. Eine Antwort wäre aber: diese Behauptung, oder ihr Gegenteil, sei ein fehlgegangener Versuch (etwas) auszudrücken, was so nicht auszudrücken ist. Und daß er fehlgeht, läßt sich zeigen; damit ist aber ihre Sache noch nicht erledigt. Man muß eben zur Einsicht kommen, daß das, was sich uns als erster Ausdruck einer Schwierigkeit oder ihrer Beantwortung anbietet, noch ein ganz falscher Ausdruck sein mag. So wie der, welcher ein Bild mit Recht tadelt, zuerst oft da den Tadel anbringen wird, wo er nicht hingehört, und es eine Untersuchung braucht, um den richtigen Angriffspunkt des Tadels zu finden.

38. Das Wissen in der Mathematik. Man muß sich hier immer wieder an die Unwichtigkeit eines »inneren Vorgangs« oder »Zustands« erinnern und fragen »Warum soll er wichtig sein? Was geht er mich an?« Interessant ist es, wie wir die mathematischen Sätze gebrauchen.

39. So rechnet man, unter solchen Umständen behandelt man eine Rechnung als unbedingt zuverlässig, als gewiß richtig.

40. Auf »Ich weiß, daß dort meine Hand ist« kann die Frage folgen »Wie weißt du es?«, und die Antwort darauf setzt voraus, daß dies so gewußt werden kann. Statt »Ich weiß, daß dort meine Hand ist« könnte man also sagen »Dort ist meine Hand« und hinzufügen, wie man es weiß.

41. »Ich weiß, wo ich den Schmerz empfinde«, »Ich weiß, daß ich ihn da empfinde« ist so falsch wie: »Ich weiß, daß ich Schmerzen habe.« Richtig aber: »Ich weiß, wo du meinen Arm berührt hast.«

42. Man kann sagen »Er glaubt es, aber es ist nicht so«, nicht aber »Er weiß es, aber es ist nicht so«. Kommt dies von der Verschiedenheit der Seelenzustände des Glaubens und des Wissens? Nein. – »Seelenzustand« kann man etwa nennen, was sich im Ton der Rede, in der Gebärde etc. ausdrückt. Es wäre also möglich, von einem seelischen Zustand der Überzeugtheit zu reden; und der kann der gleiche sein, ob gewußt oder fälschlich geglaubt wird. Zu meinen, den Worten »glauben« und »wissen« müßten verschiedene Zustände entsprechen, wäre so, als glaubte man, dem Worte »ich« und dem Namen »Ludwig« müßten verschiedene Menschen entsprechen, weil die Begriffe verschieden sind.

43. Was für ein Satz ist dies: »Wir können uns in 12 × 12 = 144 nicht verrechnet haben«? Es muß doch ein Satz der Logik sein. – Aber ist er nun nicht derselbe, oder kommt [es] auf das gleiche hinaus, wie die Feststellung 12 × 12 = 144?

44. Forderst du eine Regel, aus der hervorgeht, daß man sich hier nicht könne verrechnet haben, so ist die Antwort, daß wir dies nicht durch eine Regel gelernt haben, sondern dadurch, daß wir rechnen lernten.

45. Das Wesen des Rechnens haben wir beim Rechnenlernen kennengelernt.

46. Aber läßt sich denn nicht beschreiben, wie wir uns von der Verläßlichkeit einer Rechnung überzeugen? O doch! Aber eine Regel kommt dabei eben nicht zum Vorschein. – Das wichtigste aber ist: Es braucht die Regel nicht. Es geht uns nichts ab. Wir rechnen nach einer Regel, das ist genug.

47. So rechnet man. Und Rechnen ist dies. Das, was wir z. B. in der Schule lernen. Vergiß diese transzendente Sicherheit, die mit deinem Begriff des Geistes zusammenhängt.

48. Man könnte aber doch aus einer Menge von Rechnungen gewisse als ein für allemal zuverlässig, andre als noch nicht feststehend bezeichnen. Und ist das nun eine logische Unterscheidung?

49. Aber bedenk: auch wenn mir die Rechnung feststeht, ist es nur eine Entscheidung zu einem praktischen Zweck.

50. Wann sagt man, »Ich weiß, daß ... × ... = ...«? Wenn man die Rechnung geprüft hat.

51. Was ist das für ein Satz: »Wie sähe denn hier ein Fehler aus!«? Es müßte ein logischer Satz sein. Aber es ist eine Logik, die nicht gebraucht wird, weil, was sie lehrt, nicht durch Sätze gelehrt wird. – Es ist ein logischer Satz, denn er beschreibt ja die begriffliche (sprachliche) Situation.

52. Diese Situation ist also nicht dieselbe für einen Satz wie »In dieser Entfernung von der Sonne existiert ein Planet« und »Hier ist eine Hand« (nämlich die meine). Man kann den zweiten keine Hypothese nennen. Aber es gibt keine scharfe Grenze zwischen ihnen.

53. Man könnte also Moore recht geben, wenn man ihn so deutet, daß ein Satz, der sagt, da sei ein physikalischer Gegenstand, eine ähnliche logische Stellung haben kann wie einer, der sagt, da sei ein roter Fleck.

54. Es ist nämlich nicht wahr, daß der Irrtum vom Planeten zu meiner eigenen Hand nur immer unwahrscheinlicher werde. Sondern er ist an einer Stelle auch nicht mehr denkbar.

Darauf deutet schon, daß es sonst auch denkbar sein müßte, daß wir uns in jeder Aussage über physikalische Gegenstände irrten, daß alle, die wir je machen, falsch sind.

55. Ist also die Hypothese möglich, daß es alle die Dinge in unserer Umgebung nicht gibt? Wäre sie nicht wie die, daß wir uns in allen Rechnungen verrechnet haben?

56. Wenn man sagt »Vielleicht gibt es diesen Planeten nicht und die Lichterscheinung kommt anders zustande«, so braucht man doch ein Beispiel eines Gegenstandes, den es gibt. Es gibt ihn nicht, – wie z. B. ...

Oder soll man sagen, daß die Sicherheit nur ein konstruierter Punkt ist, dem sich manches mehr, manches weniger nähert? Nein. Der Zweifel verliert nach und nach seinen Sinn. So ist eben dieses Sprachspiel.

Und zur Logik gehört alles, was ein Sprachspiel beschreibt.

57. Könnte nun »Ich weiß, ich vermute nicht nur, daß hier meine Hand ist«, könnte das nicht als grammatischer Satz aufgefaßt werden? Also nicht temporal. –

Aber ist er dann nicht wie der: »Ich weiß, ich vermute nicht nur, daß ich Rot sehe«? Und ist die Konsequenz »Also gibt es physikalische Gegenstände« nicht wie die »Also gibt es Farben«?

58. Wird »Ich weiß etc.« als grammatischer Satz aufgefaßt, so kann natürlich das »Ich« nicht wichtig sein. Und es heißt eigentlich »Es gibt in diesem Falle keinen Zweifel« oder »Das Wort ›Ich weiß nicht‹ hat in diesem Falle keinen Sinn«. Und daraus folgt freilich auch, daß »Ich weiß« keinen hat.

59. »Ich weiß« ist hier eine logische Einsicht. Nur läßt sich der Realismus nicht durch sie beweisen.

60. Es ist falsch zu sagen, daß die »Hypothese«, dies sei ein Stück Papier, durch spätere Erfahrung bestätigt oder entkräftet würde, und daß, in »Ich weiß, daß das ein Stück Papier ist«, das »Ich weiß« sich entweder auf eine solche Hypothese bezieht oder auf eine logische Bestimmung.

61.Eine Bedeutung eines Wortes ist eine Art seiner Verwendung.

Denn sie ist das, was wir erlernen, wenn das Wort zuerst unserer Sprache einverleibt wird.

62. Darum besteht eine Entsprechung zwischen den Begriffen »Bedeutung« und »Regel«.

63. Stellen wir uns die Tatsachen anders vor als sie sind, so verlieren gewisse Sprachspiele an Wichtigkeit, andere werden wichtig. Und so ändert sich, und zwar allmählich, der Gebrauch des Vokabulars der Sprache.

64. Die Bedeutung eines Worts vergleiche mit der »Funktion« eines Beamten. Und »verschiedene Bedeutungen« mit »verschiedenen Funktionen«.

65. Wenn sich die Sprachspiele ändern, ändern sich die Begriffe, und mit den Begriffen die Bedeutungen der Wörter.

66. Ich mache Behauptungen die Wirklichkeit betreffend mit verschiedenen Graden der Sicherheit. Wie zeigt sich der Grad der Sicherheit? Welche Konsequenzen hat er?

Es kann sich z. B. um Sicherheit des Gedächtnisses oder der Wahrnehmung handeln. Ich mag meiner Sache sicher sein, aber wissen, welche Prüfung mich eines Irrtums überweisen könnte. Ich bin z. B. der Jahreszahl einer Schlacht ganz sicher, sollte ich aber in einem bekannten Geschichtswerk eine andere Jahreszahl finden, so würde ich meine Ansicht ändern und würde dadurch nicht an allem Urteilen irre werden.

67. Könnten wir uns einen Menschen vorstellen, der sich dort immer wieder irrt, wo wir einen Irrtum für ausgeschlossen halten und ihm auch nicht begegnen?

Er sagt z. B. mit derselben Sicherheit (und allen ihrer Zeichen) wie ich, er wohne dort und dort, sei soundso alt, komme von der und der Stadt, etc., irrt sich aber.

Wie aber verhält er sich dann zu diesem Irrtum? Was soll ich annehmen?

68. Die Frage ist: Was soll der Logiker hier sagen?

69. Ich möchte sagen: »Wenn ich mich darin irre, so habe ich keine Gewähr, daß irgend etwas, was ich sage, wahr ist.« Aber ein Andrer wird das darum nicht von mir sagen, noch ich von einem Andern.

70. Ich habe seit Monaten an der Adresse A gewohnt, den Straßennamen und die Hausnummer unzählige Male gelesen, unzählige Briefe hier erhalten und unzähligen Leuten die Adresse gegeben. Irre ich mich darin, so ist dieser Irrtum kaum geringer, als wenn ich (fälschlich) glaubte, ich schriebe Chinesisch und nicht Deutsch.

71. Wenn mein Freund sich eines Tages einbildete, seit langem da und da gelebt zu haben, etc. etc., so würde ich das keinen Irrtum nennen, sondern eine, vielleicht vorübergehende, Geistesstörung.

72. Nicht jeder fälschliche Glaube dieser Art ist ein Irrtum.

73. Was aber ist der Unterschied zwischen Irrtum und Geistesstörung? Oder wie unterscheidet es sich, wenn ich etwas als Irrtum und als Geistesstörung behandle?

74. Kann man sagen: Ein Irrtum hat nicht nur eine Ursache, sondern auch einen Grund?

D. h. ungefähr: er läßt sich in das richtige Wissen des Irrenden einordnen.

75. Wäre das richtig: Wenn ich bloß fälschlich glaubte, daß hier vor mir ein Tisch steht, so könnte das noch ein Irrtum sein; wenn ich aber fälschlich glaube, daß ich diesen oder einen solchen Tisch seit mehreren Monaten täglich gesehen und ständig benützt habe, so ist das kein Irrtum?

76. Mein Ziel muß es natürlich sein, anzugeben, welche Aussagen man hier machen möchte, aber nicht sinnvoll machen kann.

77. Ich werde eine Multiplikation zur Sicherheit vielleicht zweimal rechnen, vielleicht sie von einem Andern nachrechnen lassen. Aber werde ich sie zwanzigmal nachrechnen oder sie von zwanzig Leuten nachrechnen lassen? Und ist das eine gewisse Fahrlässigkeit? Wäre die Sicherheit bei zwanzigfacher Nachprüfung wirklich größer?!

78. Und kann ich dafür einen Grund angeben, daß sie’s nicht ist?

79. Daß ich ein Mann und keine Frau bin, kann verifiziert werden, aber wenn ich sagte, ich sei eine Frau, und den Irrtum damit erklären wollte, daß ich die Aussage nicht geprüft habe, würde man die Erklärung nicht gelten lassen.

80. Man prüft an der Wahrheit meiner Aussagen mein Verständnis dieser Aussagen.

81. D. h.: wenn ich gewisse falsche Aussagen mache, wird es dadurch unsicher, ob ich sie verstehe.

82. Was als ausreichende Prüfung einer Aussage gilt, – gehört zur Logik. Es gehört zur Beschreibung des Sprachspiels.

83. Die Wahrheit gewisser Erfahrungssätze gehört zu unserm Bezugssystem.

84. Moore sagt, er wisse, daß die Erde lange vor seiner Geburt existiert habe. Und so ausgedrückt scheint es eine Aussage über seine Person zu sein, wenn es auch außerdem eine Aussage über die physikalische Welt ist. Es ist nun philosophisch uninteressant, ob Moore dies oder jenes weiß, aber interessant, daß und wie es gewußt werden kann. Hätte Moore uns mitgeteilt, er wisse die Entfernung gewisser Sterne voneinander, so könnten wir daraus schließen, daß er besondere Untersuchungen angestellt habe, und wir werden nun erfahren wollen, welche Untersuchungen. Aber Moore wählt gerade einen Fall, in dem wir Alle zu wissen scheinen, was er weiß, und ohne sagen zu können, wie. Ich glaube z. B. ebensoviel von dieser Sache (der Existenz der Erde) zu wissen wie Moore, und wenn er weiß, daß es sich so verhält, wie er sagt, so weiß ich’s auch. Denn es ist auch nicht so, als hätte er seinen Satz auf einem Gedankenweg erreicht, der mir zwar zugänglich, aber von mir nicht begangen worden ist.

85. Und was gehört nun dazu, daß Einer dies wisse? Kenntnis der Geschichte etwa? Er muß wissen, was es heißt: die Erde habe schon soundso lange existiert. Denn das muß nicht jeder Erwachsene und Gescheite wissen. Wir sehen Menschen Häuser bauen und zerstören und werden zu der Frage geleitet »Wie lange steht dieses Haus schon?«. Aber wie kommt man darauf, dies von einem Berg, z. B., zu fragen? Und haben denn alle Menschen den Begriff »die Erde« als einen Körper, der entstehen und vergehen kann? Warum soll ich mir nicht die Erde als flach, aber in jeder Richtung (auch der Tiefe) ohne Ende denken? Aber dann könnte man immerhin sagen »Ich weiß, daß dieser Berg lange vor meiner Geburt existiert hat. « – Wie aber, wenn ich einen Menschen träfe, der dies nicht glaubt?

86. Wie, wenn man in Moores Sätzen »Ich weiß« durch »Ich bin der unerschütterlichen Überzeugung« ersetzte?

87. Kann ein Behauptungssatz, der als Hypothese funktionieren könnte, nicht auch als ein Grundsatz des Forschens und Handelns gebraucht werden? D. h. kann er nicht einfach dem Zweifel entzogen sein, wenn auch nicht einer ausgesprochenen Regel gemäß? Er wird einfach als eine Selbstverständlichkeit hingenommen, nie in Frage gezogen, ja vielleicht nie ausgesprochen.

88. Es kann z. B. sein, daß unser ganzes Forschen so eingestellt ist, daß dadurch gewisse Sätze, wenn sie je ausgesprochen werden, abseits allen Zweifels stehen. Sie liegen abseits von der Straße, auf der sich das Forschen bewegt.

89. Man möchte sagen: »Alles spricht dafür und nichts dagegen, daß die Erde lange vor meiner Geburt ...«

Aber könnte ich nicht doch das Gegenteil glauben? Aber die Frage ist: wie würde sich dieser Glaube praktisch betätigen? – Vielleicht sagt Einer: »Darauf kommt’s nicht an. Ein Glaube ist, was er ist, ob er sich praktisch betätigt oder nicht.« Man denkt sich: Er ist allemal die gleiche Einstellung des menschlichen Geistes.

90. »Ich weiß« hat eine primitive Bedeutung, ähnlich und verwandt der von »Ich sehe«. (»Wissen«, »videre«.) Und »Ich wußte, daß er im Zimmer war, aber er war nicht im Zimmer« ist ähnlich wie »Ich sah ihn im Zimmer, aber er war nicht da«. »Ich weiß« soll eine Beziehung ausdrücken, nicht zwischen mir und einem Satzsinn (wie »Ich glaube«), sondern zwischen mir und einer Tatsache. So daß die Tatsache in mein Bewußtsein aufgenommen wird. (Hier ist auch der Grund, warum man sagen will, man wisse eigentlich nicht, was in der Außenwelt, sondern nur, was im Reich der sogenannten Sinnesdaten geschieht.) Ein Bild des Wissens wäre dann das Wahrnehmen eines äußern Vorgangs durch Sehstrahlen, die ihn, wie er ist, ins Auge und Bewußtsein projizieren. Nur ist sofort die Frage, ob man denn dieser Projektion auch sicher sein könne. Und dieses Bild zeigt zwar die Vorstellung, die wir uns vom Wissen machen, aber nicht eigentlich, was ihr zugrunde liegt.

91. Wenn Moore sagt, er wisse, daß die Erde existiert habe etc., so werden ihm die meisten von uns darin recht geben, daß sie so lange existiert hat, und ihm auch glauben, daß er davon überzeugt ist. Aber hat er auch den richtigen Grund zu seiner Überzeugung? Denn, wenn nicht, so weiß er es doch nicht (Russell)

92. Man kann aber fragen: »Kann Einer einen triftigen Grund haben zu glauben, die Erde existiere erst seit kurzem, etwa erst seit seiner Geburt?« –

Angenommen, es wäre ihm immer so gesagt worden, – hätte er einen guten Grund, es zu bezweifeln? Menschen haben geglaubt, sie könnten Regen machen; warum sollte ein König nicht in dem Glauben erzogen werden, mit ihm habe die Welt begonnen? Und wenn nun Moore und dieser König zusammenkämen und diskutierten, könnte Moore wirklich seinen Glauben als den richtigen erweisen? Ich sage nicht, daß Moore den König nicht zu seiner Anschauung bekehren könnte, aber es wäre eine Bekehrung besonderer Art: der König würde dazu gebracht, die Welt anders zu betrachten.

Bedenke, daß man von der Richtigkeit einer Anschauung manchmal durch ihre Einfachheit oder Symmetrie überzeugt wird, d. h.: dazu gebracht wird, zu dieser Anschauung überzugehen. Man sagt dann etwa einfach: »So muß es sein.«

93. Die Sätze, die darstellen, was Moore »weiß«, sind alle solcher Art, daß man sich schwer vorstellen kann, warum Einer das Gegenteil glauben sollte. Z. B. der Satz, daß Moore sein ganzes Leben in geringer Entfernung von der Erde verbracht hat. – Wieder kann ich hier von mir selber statt von Moore reden. Was könnte mich dazu bringen, das Gegenteil davon zu glauben? Entweder eine Erinnerung, oder daß es mir gesagt wurde. – Alles, was ich gesehen oder gehört habe, macht mich der Überzeugung, daß kein Mensch sich je weit von der Erde entfernt hat. Nichts spricht in meinem Weltbild für das Gegenteil.

94. Aber mein Weltbild habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe; auch nicht, weil ich von seiner Richtigkeit überzeugt bin. Sondern es ist der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide.

95. Die Sätze, die dies Weltbild beschreiben, könnten zu einer Art Mythologie gehören. Und ihre Rolle ist ähnlich der von Spielregeln, und das Spiel kann man auch rein praktisch, ohne ausgesprochene Regeln, lernen.

96. Man könnte sich vorstellen, daß gewisse Sätze von der Form der Erfahrungssätze erstarrt wären und als Leitung für die nicht erstarrten, flüssigen Erfahrungssätze funktionierten; und daß sich dies Verhältnis mit der Zeit änderte, indem flüssige Sätze erstarrten und feste flüssig würden.

97. Die Mythologie kann wieder in Fluß geraten, das Flußbett der Gedanken sich verschieben. Aber ich unterscheide zwischen der Bewegung des Wassers im Flußbett und der Verschiebung dieses; obwohl es eine scharfe Trennung der beiden nicht gibt.

98. Wenn aber Einer sagte »Also ist auch die Logik eine Erfahrungswissenschaft«, so hätte er unrecht. Aber dies ist richtig, daß der gleiche Satz einmal als von der Erfahrung zu prüfen, einmal als Regel der Prüfung behandelt werden kann.

99. Ja, das Ufer jenes Flusses besteht zum Teil aus hartem Gestein, das keiner oder einer unmerkbaren Änderung unterliegt, und teils aus Sand, der bald hier, bald dort weg- und angeschwemmt wird.

100. Die Wahrheiten, von denen Moore sagt, er wisse sie, sind solche, die, beiläufig gesprochen, wir Alle wissen, wenn er sie weiß.

101. So ein Satz könnte z. B. sein: »Mein Körper ist nie verschwunden und nach einiger Zeit wieder aufgetaucht.«

102. Könnte ich nicht glauben, daß ich einmal, ohne es zu wissen, etwa im bewußtlosen Zustand, weit von der Erde entfernt war, ja, daß Andre dies wissen, es mir aber nicht sagen? Aber dies würde gar nicht zu meinen übrigen Überzeugungen passen. Nicht, als ob ich das System dieser Überzeugungen beschreiben könnte. Aber meine Überzeugungen bilden ein System, ein Gebäude.

103. Und wenn ich nun sagte »Es ist meine unerschütterliche Überzeugung, daß etc.«, so heißt das in unserm Falle auch, daß ich nicht bewußt durch bestimmte Gedankengänge zu der Überzeugung gelangt bin, sondern, daß sie solchermaßen in allen meinen Fragen und Antworten verankert ist, daß ich nicht an sie rühren kann.

104. Ich bin z. B. auch davon überzeugt, daß die Sonne kein Loch im Himmelsgewölbe ist.

105. Alle Prüfung, alles Bekräften und Entkräften einer Annahme geschieht schon innerhalb eines Systems. Und zwar ist dies System nicht ein mehr oder weniger willkürlicher und zweifelhafter Anfangspunkt aller unsrer Argumente, sondern es gehört zum Wesen dessen, was wir ein Argument nennen. Das System ist nicht so sehr der Ausgangspunkt, als das Lebenselement der Argumente.

106. Ein Erwachsener hätte einem Kind erzählt, er wäre auf dem Mond gewesen. Das Kind erzählt mir das, und ich sage, es sei nur ein Scherz gewesen, Soundso sei nicht auf dem Mond gewesen; niemand sei auf dem Mond gewesen; der Mond sei weit, weit von uns entfernt, und man könne nicht hinaufsteigen oder hinfliegen. – Wenn nun das Kind darauf beharrte: es gebe vielleicht doch eine Art, wie man hinkommen könne, und sie sei mir nur nicht bekannt, etc. – was könnte ich erwidern? Was könnte ich Erwachsenen eines Volksstamms erwidern, die glauben, Leute kämen manchmal auf den Mond (vielleicht deuten sie ihre Träume so), und die allerdings zugeben, man könnte nicht mit gewöhnlichen Mitteln hinaufsteigen oder hinfliegen? – Ein Kind wird aber für gewöhnlich nicht an so einem Glauben festhalten und bald von dem überzeugt werden, was wir ihm im Ernst sagen.

107. Ist dies nicht ganz so, wie man einem Kind den Glauben an einen Gott, oder daß es keinen Gott gibt, beibringen kann, und es je nachdem für das eine oder andere triftig scheinende Gründe wird vorbringen können?

108. »Aber gibt es denn da keine objektive Wahrheit? Ist es nicht wahr, oder aber falsch, daß jemand auf dem Mond war?« Wenn wir in unserm System denken, so ist es gewiß, daß kein Mensch je auf dem Mond war. Nicht nur ist uns so etwas nie im Ernst von vernünftigen Leuten berichtet worden, sondern unser ganzes System der Physik verbietet uns, es zu glauben. Denn diese verlangt Antworten auf die Fragen: »Wie hat er die Schwerkraft überwunden?«, »Wie konnte er ohne Atmosphäre leben?« und tausend andere, die nicht zu beantworten wären. Wie aber, wenn uns statt allen diesen Antworten entgegnet würde: »Wir wissen nicht, wie man auf den Mond kommt, aber die dorthin kommen, erkennen sofort, daß sie dort sind; und auch du kannst ja nicht alles erklären.« Von Einem, der dies sagte, würden wir uns geistig sehr entfernt fühlen.

109. »Ein Erfahrungssatz läßt sich prüfen« (sagen wir). Aber wie? Und wodurch?

110. Was gilt als seine Prüfung? – »Aber ist dies eine ausreichende Prüfung? Und, wenn ja, muß sie nicht in der Logik als solche erkannt werden?« – Als ob die Begründung nicht einmal zu Ende käme. Aber das Ende ist nicht die unbegründete Voraussetzung, sondern die unbegründete Handlungsweise.

111. »Ich weiß, daß ich nie auf dem Mond war.« –Das klingt ganz anders unter den tatsächlichen Umständen, als es klänge, wenn manche Menschen auf dem Mond gewesen wären und vielleicht mancher, ohne es selbst zu wissen. In diesem Falle könnte man Gründe für dies Wissen angeben. Ist hier nicht ein ähnliches Verhältnis, wie zwischen der allgemeinen Regel des Multiplizierens und gewissen ausgeführten Multiplikationen?

Ich will sagen: Daß ich nicht auf dem Mond gewesen bin, steht für mich ebenso fest, wie irgendeine Begründung dafür feststehen kann.

112. Und ist [es] nicht das, was Moore sagen will, wenn er sagt, er wisse alle jene Dinge? – Aber handelt sich’s wirklich darum, daß er’s weiß, und nicht darum, daß gewisse dieser Sätze für uns feststehen müssen?

113. Wenn Einer uns Mathematik lehren will, wird er nicht damit anfangen, uns zu versichern, er wisse, daß a + b = b + a ist.

114. Wer keiner Tatsache gewiß ist, der kann auch des Sinnes seiner Worte nicht gewiß sein.

115. Wer an allem zweifeln wollte, der würde auch nicht bis zum Zweifel kommen. Das Spiel des Zweifelns selbst setzt schon die Gewißheit voraus.

116. Hatte Moore, statt »Ich weiß ...«, nicht sagen können »Es steht für mich fest, daß ...«? Ja auch: »Es steht für mich und viele Andre fest ...«

117. Warum ist es mir nicht möglich, daran zu zweifeln, daß ich nie auf dem Mond war? Und wie könnte ich versuchen, es zu tun?

Vor allem schiene mir die Annahme, vielleicht sei ich doch dort gewesen,  müßig. Nichts würde daraus folgen, dadurch erklärt werden. Sie hinge mit nichts in meinem Leben zusammen.

Wenn ich sage »Nichts spricht dafür und alles dagegen«, so setzt dies schon ein Prinzip des Dafür- und Dagegensprechens voraus. D. h. ich muß sagen können, was dafür spräche.

118. Wäre es nun richtig zu sagen: Niemand hat bisher meinen Schädel geöffnet, um zu sehen, ob ein Gehirn drin ist; aber alles spricht dafür und nichts dagegen, daß man eins drin finden würde?

119. Kann man aber auch sagen: Nichts spricht dagegen und alles dafür, daß der Tisch dort auch dann vorhanden ist, wenn niemand ihn sieht? Was spricht denn dafür?

120. Wenn aber nun Einer es bezweifelte, wie würde sich sein Zweifel praktisch zeigen? Und könnten wir ihn nicht ruhig zweifeln lassen, da es ja gar keinen Unterschied macht?

121. Kann man sagen: »Wo kein Zweifel, da auch kein Wissen«?

122. Braucht man zum Zweifel nicht Gründe?

123. Wohin ich schaue, ich finde keinen Grund, daran zu zweifeln, daß ...

124. Ich will sagen: Wir verwenden Urteile als Prinzip(ien) des Urteilens.

125. Wenn mich ein Blinder fragte »Hast du zwei Hände?«, so würde ich mich nicht durch Hinschauen davon vergewissern. Ja, ich weiß nicht, warum ich meinen Augen trauen sollte, wenn ich überhaupt dran zweifelte. Ja, warum soll ich nicht meine Augen damit prüfen, daß ich schaue, ob ich beide Hände sehe? Was ist wodurch zu prüfen?! (Wer entscheidet darüber, was feststeht?)

Und was bedeutet die Aussage, das und das stehe fest?

126. Ich bin der Bedeutung meiner Worte nicht gewisser als bestimmter Urteile. Kann ich zweifeln, daß diese Farbe »blau« heißt?

(Meine) Zweifel bilden ein System.

127. Denn wie weiß ich, daß Einer zweifelt? Wie weiß ich, daß er die Worte »Ich zweifle daran« so gebraucht wie ich?

128. Ich habe von Kind auf so urteilen gelernt. Das ist Urteilen.

129. So habe ich urteilen gelernt; das als Urteil kennengelernt.

130. Aber ist es nicht die Erfahrung, die uns lehrt, so zu urteilen, d. h., daß es richtig ist, so zu urteilen? Aber wie lehrt’s uns die Erfahrung? Wir mögen es aus ihr entnehmen, aber die Erfahrung rät uns nicht, etwas aus ihr zu entnehmen. Ist sie der Grund, daß wir so urteilen (und nicht bloß die Ursache), so haben wir nicht wieder einen Grund dafür, dies als Grund anzusehen.

131. Nein, die Erfahrung ist nicht der Grund für unser Urteilsspiel. Und auch nicht sein ausgezeichneter Erfolg.

132. Menschen haben geurteilt, ein König könne Regen machen; wir sagen, dies widerspräche aller Erfahrung. Heute urteilt man, Aeroplan, Radio etc. seien Mittel zur Annäherung der Völker und Ausbreitung von Kultur.

133. Unter gewöhnlichen Umständen überzeuge ich mich nicht durch den Augenschein, ob ich zwei Hände habe. Warum nicht? Hat Erfahrung es als unnötig erwiesen? Oder (auch): Haben wir, auf irgendeine Weise, ein allgemeines Gesetz der Induktion gelernt und vertrauen ihm nun auch hier? – Aber warum sollen wir erst ein allgemeines Gesetz gelernt haben und nicht gleich das spezielle?

134. Wenn ich ein Buch in eine Lade lege, so nehme ich nun an, es sei darin, es sei denn ... »Die Erfahrung gibt mir immer recht. Es ist noch kein gut beglaubigter Fall vorgekommen, daß ein Buch (einfach) verschwunden wäre.« Es ist oft vorgekommen, daß sich ein Buch nie mehr gefunden hat, obwohl wir sicher zu wissen glaubten, wo es war. – Aber die Erfahrung lehrt doch wirklich, daß ein Buch, z. B., nicht verschwindet. (Z.B. nicht nach und nach verdunstet.) – Aber ist es diese Erfahrung mit Büchern etc., die uns annehmen läßt, das Buch sei nicht verschwunden? Nun, angenommen, wir fänden, daß unter bestimmten neuen Umständen Bücher verschwänden – würden wir nicht unsre Annahme ändern? Kann man die Wirkung der Erfahrung auf unser System von Annahmen leugnen?

135. Aber folgen wir nicht einfach dem Prinzip, daß, was immer geschehen ist, auch wieder geschehen wird (oder etwas ähnlichem)? – Was heißt es, diesem Prinzip folgen? Bringen wir es wirklich in unser Raisonnement? Oder ist es nur das Naturgesetz, dem scheinbar unser Schließen folgt? Das letztere mag es sein. Ein Glied in unsrer Überlegung ist es nicht.

136. Wenn Moore sagt, er wisse das und das, so zählt er wirklich lauter Erfahrungssätze auf, die wir ohne besondere Prüfung bejahen, also Sätze, die im System unsrer Erfahrungssätze eine eigentümliche logische Rolle spielen.

137. Auch wenn der Glaubwürdigste mir versichert, er wisse, es sei so und so, so kann dies allein mich nicht davon überzeugen, daß er es weiß. Nur, daß er es zu wissen glaubt. Darum kann Moores Versicherung, er wisse ..., uns nicht interessieren. Die Sätze aber, welche Moore als Beispiele solcher gewußten Wahrheiten aufzählt, sind allerdings interessant. Nicht weil jemand ihre Wahrheit weiß, oder sie zu wissen glaubt, sondern weil sie alle im System unsrer empirischen Urteile eine ähnliche Rolle spielen.

138. Z. B. gelangen wir zu keinem von ihnen durch eine Untersuchung.

Es gibt z. B. historische Untersuchungen und Untersuchungen über die Gestalt und auch (über) das Alter der Erde, aber nicht darüber, ob die Erde in den letzten 100 Jahren existiert habe. Freilich, viele von uns hören Berichte, haben Nachricht über diesen Zeitraum von ihren Eltern und Großeltern; aber können sich die nicht irren? – »Unsinn« wird man sagen, »Wie sollen sich denn alle diese Menschen irren!« Aber ist das ein Argument? Ist es nicht einfach die Zurückweisung einer Idee? Und etwa eine Begriffsbestimmung? Denn rede ich hier von einem möglichen Irrtum, so ändert das die Rolle, die »Irrtum« und »Wahrheit« in unserm Leben spielen.

139. Um eine Praxis festzulegen, genügen nicht Regeln, sondern man braucht auch Beispiele. Unsre Regeln lassen Hintertüren offen, und die Praxis muß für sich selbst sprechen.

140. Wir lernen die Praxis des empirischen Urteilens nicht, indem wir Regeln lernen; es werden uns Urteile beigebracht und ihr Zusammenhang mit andern Urteilen. Ein Ganzes von Urteilen wird uns plausibel gemacht.

141. Wenn wir anfangen, etwas zu glauben, so nicht einen einzelnen Satz, sondern ein ganzes System von Sätzen. (Das Licht geht nach und nach über das Ganze auf.)

142. Nicht einzelne Axiome leuchten mir ein, sondern ein System, worin sich Folgen und Prämissen gegenseitig stützen.

143. Es wird mir z. B. erzählt, jemand sei vor vielen Jahren auf diesen Berg gestiegen. Untersuche ich nun immer die Glaubwürdigkeit des Erzählers und ob dieser Berg vor Jahren existiert habe? Ein Kind lernt viel später, daß es glaubwürdige und unglaubwürdige Erzähler gibt, als es Fakten lernt, die ihm erzählt werden. Es lernt, daß jener Berg schon lange existiert habe, gar nicht; d. h. die Frage, ob es so sei, kommt gar nicht auf. Es schluckt, sozusagen, diese Folgerung mit dem hinunter, was es lernt.

144. Das Kind lernt eine Menge Dinge glauben. D. h. es lernt z. B. nach diesem Glauben handeln. Es bildet sich nach und nach ein System von Geglaubtem heraus, und darin steht manches unverrückbar fest, manches ist mehr oder weniger beweglich. Was feststeht, tut dies nicht, weil es an sich offenbar oder einleuchtend ist, sondern es wird von dem, was darum herumliegt, festgehalten.

145. Man will sagen »Alle meine Erfahrungen zeigen, daß es so ist«. Aber wie tun sie das? Denn jener Satz, auf den sie zeigen, gehört auch zu ihrer besonderen Interpretation.

»Daß ich diesen Satz als sicher wahr betrachte, kennzeichnet auch meine Interpretation der Erfahrung.«

146. Wir machen uns von der Erde das Bild einer Kugel, die frei im Raume schwebt und sich in 100 Jahren nicht wesentlich ändert. Ich sagte »Wir machen uns das Bild etc.«, und dies Bild hilft uns nun zum Beurteilen verschiedener Sachverhalte.

Ich kann die Dimensionen einer Brücke allerdings berechnen, manchmal auch berechnen, daß hier eine Brücke günstiger ist als eine Fähre etc. etc. – aber irgendwo muß ich mit einer Annahme oder Entscheidung anfangen.

147. Das Bild der Erde als Kugel ist ein gutes Bild, es bewährt sich überall, es ist auch ein einfaches Bild – kurz, wir arbeiten damit, ohne es anzuzweifeln.

148. Warum überzeuge ich mich nicht davon, daß ich noch zwei Füße habe, wenn ich mich von dem Sessel erheben will? Es gibt kein warum. Ich tue es einfach nicht. So handle ich.

149. Meine Urteile selbst charakterisieren die Art und Weise, wie ich urteile, das Wesen des Urteilens.

150. Wie beurteilt Einer, welches seine rechte und welches seine linke Hand ist? Wie weiß ich, daß mein Urteil mit dem der Andern übereinstimmen wird? Wie weiß ich, daß diese Farbe Blau ist? Wenn ich hier mir nicht traue, warum soll ich dem Urteil des Andern trauen? Gibt es ein Warum? Muß ich nicht irgendwo anfangen zu trauen? D. h. ich muß irgendwo mit dem Nichtzweifeln anfangen; und das ist nicht, sozusagen, vorschnell aber verzeihlich, sondern es gehört zum Urteilen.

151. Ich möchte sagen: Moore weiß nicht, was er zu wissen behauptet, aber es steht für ihn fest, so wie auch für mich; es als feststehend zu betrachten, gehört zur Methode unseres Zweifelns und Untersuchens.

152. Die Sätze, die für mich feststehen, lerne ich nicht ausdrücklich. Ich kann sie nachträglich finden wie die Rotationsachse eines sich drehenden Körpers. Diese Achse steht nicht fest in dem Sinne, daß sie festgehalten wird, aber die Bewegung um sie herum bestimmt sie als unbewegt.

153. Niemand hat mich gelehrt, daß meine Hände nicht verschwinden, wenn ich auf sie nicht aufpasse. Noch kann man sagen, ich setze die Wahrheit dieses Satzes bei meinen Behauptungen etc. voraus (als ruhten sie auf ihm), während er erst durch unser anderweitiges Behaupten Sinn erhält.

154. Es gibt Fälle solcher Art, daß, wenn Einer dort Zeichen des Zweifels gibt, wo wir nicht zweifeln, wir seine Zeichen nicht mit Sicherheit als Zeichen des Zweifels verstehen können.

D. h.: Damit wir seine Zeichen des Zweifels als solche verstehen, darf er sie nur in bestimmten Fällen geben und nicht in andern.

155. Der Mensch kann sich unter gewissen Umständen nicht irren. (»Kann« ist hier logisch gebraucht, und der Satz sagt nicht, daß unter diesen Umständen der Mensch nichts Falsches sagen kann.) Wenn Moore das Gegenteil von jenen Sätzen aussagte, die er für gewiß erklärt, würden wir nicht nur nicht seiner Meinung sein, sondern ihn für geistesgestört halten.

156. Damit der Mensch sich irre, muß er schon mit der Menschheit konform urteilen.

157. Wie, wenn ein Mensch sich nicht erinnern könnte, ob er immer fünf Finger oder zwei Hände gehabt hat? Würden wir ihn verstehen? Könnten wir sicher sein, daß wir ihn verstehen?

158. Kann ich mich z. B. darin irren, daß die einfachen Worte, die diesen Satz bilden, deutsche Wörter sind, deren Bedeutung ich kenne?

159. Wir lernen als Kinder Fakten, z. B. daß jeder Mensch ein Gehirn hat, und wir nehmen sie gläubig hin. Ich glaube, daß es eine Insel, Australien, gibt von der und der Gestalt usw. usw., ich glaube, daß ich Urgroßeltern gehabt habe, daß die Menschen, die sich für meine Eltern ausgaben, wirklich meine Eltern waren, etc. Dieser Glaube mag nie ausgesprochen, ja, der Gedanke, daß es so ist, nie gedacht werden.

160. Das Kind lernt, indem es dem Erwachsenen glaubt. Der Zweifel kommt nach dem Glauben.

161. Ich habe eine Unmenge gelernt und es auf die Autorität von Menschen angenommen, und dann manches durch eigene Erfahrung bestätigt oder entkräftet gefunden.

162. Was in Lehrbüchern, der Geographie z. B. steht, halte ich im allgemeinen für wahr. Warum? Ich sage: Alle diese Fakten sind hundertmal bestätigt worden. Aber wie weiß ich das? Was ist meine Evidenz dafür? Ich habe ein Weltbild. Ist es wahr oder falsch? Es ist vor allem das Substrat alles meines Forschens und Behauptens. Die Sätze, die es beschreiben, unterliegen nicht alle gleichermaßen der Prüfung.

163. Prüft jemand je, ob dieser Tisch hier stehenbleibt, wenn niemand auf ihn achtgibt? Wir prüfen die Geschichte Napoleons, aber nicht, ob alle Berichte über ihn auf Sinnestrug, Schwindel u. dergl. beruhen. Ja, wenn wir überhaupt prüfen, setzen wir damit schon etwas voraus, was nicht geprüft wird. Soll ich nun sagen, das Experiment, das ich etwa zur Prüfung eines Satzes mache, setze die Wahrheit des Satzes voraus, daß hier wirklich der Apparat steht, welchen ich zu sehen glaube (u. dergl.)?

164. Hat das Prüfen nicht ein Ende?

165. Ein Kind könnte zu einem andern sagen »Ich weiß, daß die Erde schon viele hundert Jahre alt ist«, und das hieße: Ich habe es gelernt.

166. Die Schwierigkeit ist, die Grundlosigkeit unseres Glaubens einzusehen.

167. Daß unsre Erfahrungsaussagen nicht alle gleichen Status haben, ist klar, da man so einen Satz festlegen und ihn vom Erfahrungssatz zu einer Norm der Beschreibung machen kann.

Denk an chemische Untersuchungen. Lavoisier macht Experimente mit Stoffen in seinem Laboratorium und schließt nun, daß bei der Verbrennung dies und jenes geschehe. Er sagt nicht, daß es ja ein andermal anders zugehen könne. Er ergreift ein bestimmtes Weltbild, ja, er hat es natürlich nicht erfunden, sondern als Kind gelernt. Ich sage Weltbild und nicht Hypothese, weil es die selbstverständliche Grundlage seiner Forschung ist und als solche auch nicht ausgesprochen wird.

168. Aber welche Rolle spielt nun die Voraussetzung, daß ein Stoff A auf einen Stoff B unter gleichen Umständen immer gleich reagiert? Oder gehört das zur Definition eines Stoffs?

169. Man könnte meinen, es gäbe Sätze, welche aussprechen, daß eine Chemie möglich ist. Und das wären Sätze einer Naturwissenschaft. Denn worauf sollen sie sich stützen, wenn nicht auf Erfahrung?

170. Ich glaube, was mir Menschen in einer gewissen Weise übermitteln. So glaube ich geographische, chemische, geschichtliche Tatsachen etc. So lerne ich die Wissenschaften. Ja, lernen beruht natürlich auf glauben.

Wer gelernt hat, der Mont Blanc sei 4000 m hoch, wer es auf der Karte nachgesehen hat, sagt nun, er wisse es.

Und kann man nun sagen: Wir messen unser Vertrauen so zu, weil es sich so bewährt hat?

171. Ein Hauptgrund für Moore anzunehmen, daß er nicht auf dem Mond war, ist der, daß niemand auf dem Mond war und hinkommen konnte; und das glauben wir auf Grund dessen, was wir lernen.

172. Vielleicht sagt man »Es muß doch ein Prinzip diesem Vertrauen zugrunde liegen«, aber was kann so ein Prinzip leisten? Ist es mehr als ein Naturgesetz des »Für-wahr-haltens«?

173. Liegt es denn in meiner Macht, was ich glaube? oder was ich unerschütterlich glaube?

Ich glaube, daß dort ein Sessel steht. Kann ich mich nicht irren? Aber kann ich glauben, daß ich mich irre? Ja, kann ich es überhaupt in Betracht ziehen? – Und könnte ich nicht auch an meinem Glauben festhalten, was immer ich später erfahre?! Aber ist nun mein Glaube begründet?

174. Ich handle mit voller Gewißheit. Aber diese Gewißheit ist meine eigene.

175. »Ich weiß es«, sage ich dem Andern; und hier gibt es eine Rechtfertigung. Aber für meinen Glauben gibt es keine.

176. Statt »Ich weiß es« kann man in manchen Fällen sagen »Es ist so; verlaß dich drauf«. In manchen Fällen aber: »Das habe ich schon vor Jahren gelernt«; und manchmal: »Ich bin sicher, daß es so ist.«

177. Was ich weiß, das glaube ich.

178. Der falsche Gebrauch, den Moore von dem Satz »Ich weiß ...« macht, liegt darin, daß er ihn als eine Äußerung betrachtet, die so wenig anzuzweifeln ist wie etwa »Ich habe Schmerzen«. Und da aus »Ich weiß, daß es so ist« folgt »Es ist so«, so kann also auch dies nicht angezweifelt werden.

179. Es wäre richtig zu sagen: »Ich glaube ...« hat subjektive Wahrheit; aber »Ich weiß ...« nicht.

180. Oder auch: »Ich glaube ...« ist eine Äußerung, nicht aber »Ich weiß...«.

181. Wie, wenn Moore statt »Ich weiß ...« gesagt hätte »Ich schwöre ...«?

182. Die primitivere Vorstellung ist, daß die Erde nie einen Anfang genommen hat. Kein Kind hat Grund, sich zu fragen, wie lange es die Erde schon gegeben hat, weil aller Wandel auf ihr vor sich geht. Wenn das, was man die Erde nennt, wirklich einmal entstanden ist, was schwer genug vorzustellen ist, so nimmt man den Anfang natürlich in unvordenklicher Zeit an.

183. »Es ist sicher, daß Napoleon nach der Schlacht bei Austerlitz ... Nun, dann ist es doch auch sicher, daß die Erde damals existiert hat.«

184. »Es ist sicher, daß wir nicht vor 100 Jahren von einem andern Planeten auf diesen herabgekommen sind.« Nun, so sicher, als eben solche Sachen sind.

185. Es käme mir lächerlich vor, die Existenz Napoleons bezweifeln zu wollen; aber wenn Einer die Existenz der Erde vor 150 Jahren bezweifelte, wäre ich vielleicht eher bereit aufzuhorchen, denn nun bezweifelt er unser ganzes System der Evidenz. Es kommt mir nicht vor, als sei dies System sicherer als eine Sicherheit in ihm.

186. »Ich könnte annehmen, daß Napoleon nie existiert hat und eine Fabel ist, aber nicht, daß die Erde vor 150 Jahren nicht existiert hat.«

187. »Weißt du, daß die Erde damals existiert hat?« – »Freilich weiß ich’s. Ich habe es von jemandem, der sich genau auskennt.«

188. Es kommt mir vor, als müßte der, welcher an der Existenz der Erde zu jener Zeit zweifelt, das Wesen aller historischer Evidenz antasten. Und von dieser kann ich nicht sagen, sie sei bestimmt richtig.

189. Einmal muß man von der Erklärung auf die bloße Beschreibung kommen.

190. Was wir historische Evidenz nennen, deutet darauf hin, die Erde habe schon lange vor meiner Geburt existiert; – die entgegengesetzte Hypothese hat nichts für sich.

191. Wenn nun alles für eine Hypothese, nichts gegen sie spricht – ist sie dann gewiß wahr? Man kann sie so bezeichnen. – Aber stimmt sie gewiß mit der Wirklichkeit, den Tatsachen, überein? – Mit dieser Frage bewegst du dich schon im Kreise.

192. Es gibt freilich Rechtfertigung; aber die Rechtfertigung hat ein Ende.

193. Was heißt: die Wahrheit eines Satzes sei gewiß?

194. Mit dem Wort »gewiß« drücken wir die völlige Überzeugung, die Abwesenheit jedes Zweifels aus, und wir suchen damit den Andern zu überzeugen. Das ist subjektive Gewißheit.

Wann aber ist etwas objektiv gewiß? – Wenn ein Irrtum nicht möglich ist. Aber was für eine Möglichkeit ist das? Muß der Irrtum nicht logisch ausgeschlossen sein?

195. Wenn ich glaube, in meinem Zimmer zu sitzen, und es ist nicht so, dann wird man nicht sagen, ich habe mich geirrt: Aber was ist der wesentliche Unterschied eines Irrtums von diesem Fall?

196. Sichere Evidenz ist die, die wir als unbedingt sicher annehmen, nach der wir mit Sicherheit ohne Zweifel handeln.

Was wir »Irrtum« nennen, spielt eine ganz bestimmte Rolle in unsern Sprachspielen, und was wir als sichere Evidenz betrachten, auch.

197. Unsinn aber wäre es zu sagen, wir betrachten etwas als sichere Evidenz, weil es gewiß wahr ist.

198. Wir müssen vielmehr die Rolle der Entscheidung für und gegen einen Satz erst betrachten.

199. Der Gebrauch von »wahr oder falsch« hat darum etwas Irreführendes, weil es ist, als sagte man »es stimmt mit den Tatsachen überein oder nicht«, und es sich doch gerade frägt, was »Übereinstimmung« hier ist.

200. »Der Satz ist wahr oder falsch« heißt eigentlich nur, es müsse eine Entscheidung für oder gegen ihn möglich sein. Aber das sagt nicht, wie der Grund zu so einer Entscheidung ausschaut.

201. Denk, jemand fragte: »Ist es wirklich richtig, daß wir uns auf die Evidenz unsres Gedächtnisses (oder unsrer Sinne) verlassen, wie wir es tun?«

202. Moores gewisse Sätze sagen beinahe aus, wir hätten ein Recht, uns auf diese Evidenz zu verlassen.

203. [Alles2, was wir als Evidenz betrachten, deutet darauf hin, die Erde habe schon lange vor meiner Geburt existiert. Die entgegengesetzte Hypothese hat keinerlei Bekräftigung.

Wenn auch alles für eine Hypothese, nichts gegen sie spricht, – ist sie objektiv sicher? Man kann sie so nennen. Aber stimmt sie unbedingt mit der Welt der Tatsachen überein? Sie zeigt uns bestenfalls, was »übereinstimmen« heißt. Wir finden es schwierig, sie uns (als) falsch vorzustellen, aber auch schwierig, eine Anwendung von ihr zu machen.] Worin besteht denn diese Übereinstimmung, wenn nicht darin, daß, was in diesen Sprachspielen Evidenz ist, für unseren Satz spricht? (Log. Phil. Abh.)

204. Die Begründung aber, die Rechtfertigung der Evidenz kommt zu einem Ende; – das Ende aber ist nicht, daß uns gewisse Sätze unmittelbar als wahr einleuchten, also eine Art Sehen unsrerseits, sondern unser Handeln, welches am Grunde des Sprachspiels liegt.

205. Wenn das Wahre das Begründete ist, dann ist der Grund nicht wahr, noch falsch.

206. Wenn Einer uns fragte »Aber ist das wahr?«, könnten wir ihm sagen »Ja«; und wenn er Gründe verlangte, so könnten wir sagen »Ich kann dir keine Gründe geben, aber wenn du mehr lernst, wirst du auch dieser Meinung sein«.

Käme es nun nicht dahin, so hieße das, daß er, z. B. Geschichte nicht lernen kann.

207. »Seltsamer Zufall, daß alle die Menschen, deren Schädel man geöffnet hat, ein Gehirn hatten!«

208. Ich habe ein Telephongespräch mit New York. Mein Freund teilt mir mit, daß seine Bäumchen die und die Knospen tragen. Ich bin nun überzeugt, das Bäumchen sei ... Bin ich auch überzeugt, die Erde existiere?

209. Daß die Erde existiert, ist vielmehr ein Teil des ganzen Bildes, das den Ausgangspunkt meines Glaubens bildet.

210. Bekräftigt mein Telephongespräch mit N. Y. meine Überzeugung, daß die Erde existiert?

Manches scheint uns festzustehen, und es scheidet aus dem Verkehr aus. Es wird sozusagen auf ein totes Geleise verschoben.

211. Es gibt nun unsern Betrachtungen, unsern Forschungen ihre Form. Es war vielleicht einmal umstritten. Vielleicht aber hat es seit unvordenklichen Zeiten zum Gerüst aller unsrer Betrachtungen gehört. (Jeder Mensch hat Eltern.)

212. Wir betrachten z. B. eine Rechnung unter gewissen Umständen als genügend kontrolliert. Was gibt uns dazu ein Recht? Die Erfahrung? Konnte sie uns nicht täuschen? Wir müssen irgendwo mit dem Rechtfertigen Schluß machen, und dann bleibt der Satz: daß wir so rechnen.

213. Unsre »Erfahrungssätze« bilden nicht eine homogene Masse.

214. Was hindert mich anzunehmen, daß dieser Tisch, wenn ihn niemand betrachtet, entweder verschwindet oder seine Form und Farbe verändert und nun, wenn ihn wieder jemand ansieht, in seinen alten Zustand zurückkehrt? – »Wer wird aber auch so etwas annehmen!« – möchte man sagen.

215. Hier sehen wir, daß die Idee von der »Übereinstimmung mit der Wirklichkeit« keine klare Anwendung hat.

216. Der Satz »Es ist geschrieben«.

217. Wer annähme, daß alle unsre Rechnungen unsicher seien und daß wir uns auf keine verlassen können (mit der Rechtfertigung, daß Fehler überall möglich sind), würden wir vielleicht für verrückt erklären. Aber können wir sagen, er sei im Irrtum? Reagiert er nicht einfach anders: wir verlassen uns darauf, er nicht, wir sind sicher, er nicht.

218. Kann ich für einen Augenblick glauben, ich sei je in der Stratosphäre gewesen? Nein. So weiß ich das Gegenteil, – wie Moore?

219. Es kann für mich, als vernünftigen Menschen, kein Zweifel darüber bestehen. – Das ist es eben. –

220. Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht.

221. Kann ich zweifeln, woran ich zweifeln will?

222. Ich kann, daß ich nie in der Stratosphäre war, unmöglich bezweifeln. Weiß ich es darum, ist es darum wahr?

223. Könnte ich nicht eben verrückt sein und das nicht bezweifeln, was ich unbedingt bezweifeln sollte.

224. »Ich weiß, daß es nie geschehen ist, denn wäre es geschehen, so hätte ich es ##ummöglich vergessen können.«

Aber, angenommen, es wäre geschehen, so hättest du’s eben doch vergessen. Und wie weißt du, daß du’s unmöglich hättest vergessen können? Nicht bloß aus früherer Erfahrung?

225. Das, woran ich festhalte, ist nicht ein Satz, sondern ein Nest von Sätzen.

226. Kann ich die Annahme, ich sei einmal auf dem Mond gewesen, überhaupt einer ernsten Betrachtung würdigen?

227. »Ist denn das etwas, was man vergessen kann?!«

228. »Unter solchen Umständen sagen die Menschen nicht: ›Vielleicht haben wir’s alle vergessen‹ und dergleichen, sondern sie nehmen an ...«

229. Unsre Rede erhält durch unsre übrigen Handlungen ihren Sinn.

230. Wir fragen uns: Was machen wir mit einer Aussage »Ich weiß ...«? Denn uns handelt sich’s nicht um Vorgänge oder Zustände des Geistes. Und so muß man entscheiden, ob etwas ein Wissen ist oder keines.

231. Wenn einer bezweifelte, ob die Erde vor 100 Jahren existiert hat, so verstünde ich das darum nicht, weil ich nicht wüßte, was dieser noch als Evidenz gelten ließe und was nicht.

232. »Jedes einzelne dieser Fakten könnten wir bezweifeln, aber alle können wir nicht bezweifeln.«

Wäre es nicht richtiger zu sagen: »alle bezweifeln wir nicht.«

Daß wir sie nicht alle bezweifeln, ist eben die Art und Weise, wie wir urteilen, also handeln.

233. Wenn ein Kind mich fragte, ob es die Erde schon vor meiner Geburt gegeben hat, so würde ich ihm antworten, die Erde existiere nicht erst seit meiner Geburt, sondern sie habe schon lang, lang vorher existiert. Und dabei hätte ich das Gefühl, etwas Komisches zu sagen. Etwa, wie wenn das Kind gefragt hätte, ob der und der Berg höher sei als ein hohes Haus, das es gesehen hat. Ich könnte nur dem jene Frage beantworten, dem ich ein Weltbild erst beibrächte.

Wenn ich nun die Frage mit Sicherheit beantworte, was gibt mir diese Sicherheit?

234. Ich glaube, daß ich Ahnen habe und daß jeder Mensch sie hat. Ich glaube, daß es verschiedene Städte gibt, und überhaupt an die Hauptdaten der Geographie und der Geschichte. Ich glaube, daß die Erde ein Körper ist, auf dessen Oberfläche wir uns bewegen, und daß er sowenig plötzlich verschwindet oder dergl. wie irgend ein andrer fester Körper: dieser Tisch, dieses Haus, dieser Baum etc. Wenn ich an der Existenz der Erde lang vor meiner Geburt zweifeln wollte, müßte ich alles mögliche bezweifeln, was mir feststeht.

235. Und daß mir etwas feststeht, hat seinen Grund nicht in meiner Dummheit oder Leichtgläubigkeit.

236. Wenn Einer sagte »Die Erde hat nicht schon lange ...« – was würde er damit antasten? Weiß ich’s?

Müßte es ein sogenannter wissenschaftlicher Glaube sein? Könnte es kein mystischer sein? Muß er damit unbedingt geschichtlichen Tatsachen widersprechen? Ja, selbst geographischen?

237. Wenn ich sage »Dieser Tisch hat vor einer Stunde noch nicht existiert«, so meine ich wahrscheinlich, er sei erst später hergestellt worden.

Sage ich »Dieser Berg hat damals noch nicht existiert«, so meine ich wohl, er habe sich erst später – vielleicht vulkanisch – gebildet.

Sage ich »Dieser Berg hat vor einer halben Stunde noch nicht existiert«, so ist das eine so seltsame Aussage, daß nicht klar ist, was ich meine. Ob ich z. B. etwas Falsches, aber Wissenschaftliches meine. Vielleicht meint man, die Aussage, der Berg habe damals noch nicht existiert, sei ganz klar, wie immer man sich den Zusammenhang denke. Aber denke, jemand sagte »Dieser Berg hat vor einer Minute noch nicht existiert, sondern ein genau gleicher«. Nur die gewohnte Umgebung läßt es klar erscheinen, was gemeint ist.

238. Ich könnte also den, der sagt, die Erde habe vor seiner Geburt nicht existiert, weiter fragen, um herauszufinden, mit welchen meiner Überzeugungen er im Widerspruch ist. Und da könnte es sein, daß er meinen Grundanschauungen widerspricht. Und wäre es so, so müßte ich’s dabei bewenden lassen.

Ähnlich geht es, wenn er sagt, er sei einmal auf dem Mond gewesen.

239. Ja, ich glaube, daß jeder Mensch zwei menschliche Eltern hat; aber die Katholiken glauben, daß Jesus nur eine menschliche Mutter hatte. Und Andre könnten glauben, es gebe Menschen, die keine Eltern haben, und aller gegenteiligen Evidenz keinen Glauben schenken. Die Katholiken glauben auch, daß eine Oblate unter gewissen Umständen ihr Wesen gänzlich ändert, und zugleich, daß alle Evidenz das Gegenteil beweist. Wenn also Moore sagte »Ich weiß, daß dies Wein und nicht Blut ist«, so würden Katholiken ihm widersprechen.

240. Worauf gründet sich der Glaube, daß alle Menschen Eltern haben? Auf Erfahrung. Und wie kann ich auf meine Erfahrung diesen sichern Glauben gründen? Nun, ich gründe ihn nicht nur darauf, daß ich die Eltern gewisser Menschen kannte, sondern auf alles, was ich über das Geschlechtsleben von Menschen und ihre Anatomie und Physiologie gelernt habe; auch darauf, was ich von Tieren gehört und gesehen habe. Aber ist das denn wirklich ein Beweis?

241. Ist hier nicht eine Hypothese, die, wie ich glaube, sich immer wieder vollkommen bestätigt?

242. Müssen wir nicht auf Schritt und Tritt sagen: »Ich glaube dies mit Bestimmtheit«?

243. »Ich weiß ...« sagt man, wenn man bereit ist, zwingende Gründe zu geben. »Ich weiß« bezieht sich auf eine Möglichkeit des Dartuns der Wahrheit. Ob Einer etwas weiß, läßt sich zeigen, angenommen, daß er davon überzeugt ist.

Ist aber was er glaubt von solcher Art, daß die Gründe, die er geben kann, nicht sicherer sind als seine Behauptung, so kann er nicht sagen, er wisse, was er glaubt.

244. Wenn Einer sagt »Ich habe einen Körper«, so kann man ihn fragen »Wer spricht hier mit diesem Munde?«

245. Zu wem sagt Einer, er wisse etwas? Zu sich selbst oder zu einem Andern. Wenn er’s zu sich selbst sagt, wie unterscheidet es sich von der Feststellung, er sei gewiß, es verhalte sich so? Es gibt keine subjektive Sicherheit, daß ich etwas weiß. Subjektiv ist die Gewißheit, aber nicht das Wissen. Wenn ich mir also sage »Ich weiß, daß ich zwei Hände habe«, und das soll nicht nur meine subjektive Gewißheit zum Ausdruck bringen, so muß ich mich davon überzeugen können, daß ich recht habe. Aber das kann ich nicht, denn daß ich zwei Hände habe ist nicht weniger gewiß, ehe ich sie angeschaut habe als nachher. Ich könnte aber sagen: »Daß ich zwei Hände habe ist ein unumstößlicher Glaube.« Das würde ausdrücken, ich sei nicht bereit, irgend etwas als Gegenbeweis dieses Satzes gelten zu lassen.

246. »Hier bin ich auf einer Grundlage alles meines Glaubens angelangt.« »Diese Stellung werde ich halten!« Aber ist das nicht eben nur, weil ich davon vollkommen überzeugt bin? – Wie ist das: vollkommen überzeugt sein?

247. Wie wäre es, jetzt daran zu zweifeln, daß ich zwei Hände habe? Warum kann ich’s mir gar nicht vorstellen? Was würde ich glauben, wenn ich das nicht glaubte? Ich habe noch gar kein System, worin es diesen Zweifel geben könnte.

248. Ich bin auf dem Boden meiner Überzeugungen angelangt.

Und von dieser Grundmauer könnte man beinahe sagen, sie werde vom ganzen Haus getragen.

249. Man macht sich ein falsches Bild vom Zweifel.

250. Daß ich zwei Hände habe, ist unter normalen Umständen so sicher wie irgend etwas, was ich als Evidenz dafür anführen könnte.

Ich bin darum außerstande, den Anblick meiner Hand als Evidenz dafür aufzufassen.

251. Heißt das nicht: ich werde unbedingt nach diesem Glauben handeln und mich durch nichts beirren lassen?

252. Aber es ist doch nicht nur, daß ich in dieser Weise glaube, daß ich zwei Hände habe, sondern daß jeder Vernünftige das tut.

253. Am Grunde des begründeten Glaubens liegt der unbegründete Glaube.

254. Jeder »vernünftige« Mensch handelt so.

255. Das Zweifeln hat gewisse charakteristische Äußerungen, aber sie sind für ihn nur unter gewissen Umständen charakteristisch. Wenn Einer sagte, er zweifle an der Existenz seiner Hände, sie immer wieder von allen Seiten betrachtete, sich zu überzeugen suchte, daß keine Spiegelung oder dergl. vorläge, so wären wir nicht sicher, ob wir das ein Zweifeln nennen sollten. Wir könnten seine Handlungsweise als eine der zweifelnden ähnliche beschreiben, aber sein Spiel wäre nicht das unsre.

256. Anderseits ändert sich das Sprachspiel mit der Zeit.

257. Wenn Einer mir sagte, er zweifle daran, ob er einen Körper habe, würde ich ihn für einen Halbnarren halten. Ich wüßte aber nicht, was es hieße, ihn davon zu überzeugen, daß er einen habe. Und hätte ich etwas gesagt und das hätte nun den Zweifel behoben, so wüßte ich nicht wie und warum.

258. Ich weiß nicht, wie der Satz »Ich habe einen Körper« zu gebrauchen ist.

Das gilt nicht unbedingt von dem Satz, daß ich immer auf oder nahe der Erde war.

259. Wer dran zweifelte, daß die Erde seit 100 Jahren existiert hat, könnte einen wissenschaftlichen oder aber einen philosophischen Zweifel haben.

260. Ich möchte den Ausdruck »Ich weiß« für die Fälle reservieren, in denen er im normalen Sprachverkehr gebraucht wird.

261. Einen vernünftigen Zweifel an der Existenz der Erde während der letzten 100 Jahre kann ich mir jetzt nicht vorstellen.

262. Ich kann mir einen Menschen vorstellen, der unter ganz besonderen Umständen aufgewachsen ist und dem man beigebracht hat, die Erde sei vor 50 Jahren entstanden, und dieses deshalb auch glaubt. Diesen könnten wir belehren: die Erde habe schon lange etc. – Wir würden trachten, ihm unser Weltbild zu geben.

Dies geschähe durch eine Art Überredung.

263. Der Schüler glaubt seinen Lehrern und den Schulbüchern.

264. Ich könnte mir den Fall denken, daß Moore von einem wilden Volksstamm gefangen wird und die den Verdacht aussprechen, er sei von irgendwo zwischen Erde und Mond gekommen. Moore sagt ihnen, er wisse, ..., kann ihnen aber die Gründe für seine Sicherheit nicht geben, weil sie phantastische Ideen vom Flugvermögen eines Menschen haben und von Physik nichts wissen. Dies wäre eine Gelegenheit, jene Aussage zu machen.

265. Aber was sagt sie mehr, als »Ich bin nie dort und dort gewesen und habe zwingende Gründe, das zu glauben«?

266. Und hier müßte man noch sagen, was zwingende Gründe sind.

267. »Ich habe nicht nur den visuellen Eindruck eines Baumes, sondern ich weiß, daß es ein Baum ist.«

268. »Ich weiß, daß das eine Hand ist.« – Und was ist eine Hand? – »Nun, das z. B.«

269. Bin ich gewisser, daß ich nie auf dem Mond als daß ich nie in Bulgarien war? Warum bin ich so sicher? Nun, ich weiß, daß ich auch nirgends in der Nähe, z. B. nie auf dem Balkan, war.

270. »Ich habe für meine Sicherheit zwingende Gründe.« Diese Gründe machen die Sicherheit objektiv.

271. Was ein triftiger Grund für etwas sei, entscheide nicht ich.

272. Ich weiß = Es ist mir als gewiß bekannt.

273. Wann aber sagt man von etwas, es sei gewiß?

Denn darüber, ob etwas gewiß ist, läßt sich streiten; wenn nämlich etwas objektiv gewiß ist.

Es gibt eine Unzahl allgemeiner Erfahrungssätze, die uns als gewiß gelten.

274. Daß Einem, dem man den Arm abgehackt, er nicht wieder wächst, ist ein solcher. Daß Einer, dem man den Kopf abgehauen hat, tot ist und nie wieder lebendig wird, ein andrer.

Man kann sagen, daß Erfahrung uns diese Sätze lehrt. Sie lehrt sie uns aber nicht isoliert, sondern sie lehrt uns eine Menge zusammenhängender Sätze. Wären sie isoliert, so könnte ich etwa an ihnen zweifeln, denn ich habe keine sie betreffende Erfahrung.

275. Ist die Erfahrung der Grund dieser unserer Gewißheit, so ist es natürlich die vergangene Erfahrung.

Und es ist nicht etwa bloß meine Erfahrung, sondern die der Anderen, von der ich Erkenntnis erhalte.

Nun könnte man sagen, daß es wiederum Erfahrung ist, was uns den Andern Glauben schenken läßt. Aber welche Erfahrung macht mich glauben, daß die Anatomie- und Physiologiebücher nicht Falsches enthalten? Es ist wohl wahr, daß dieses Vertrauen auch durch meine eigene Erfahrung gestützt wird.

276. Wir glauben, sozusagen, daß dieses große Gebäude da ist, und nun sehen wir einmal da ein Eckchen, einmal dort ein Eckchen.

277. »Ich kann nicht umhin zu glauben ...«

278. »Ich bin beruhigt, daß es so ist.«

279. Es ist ganz sicher, daß Automobile nicht aus der Erde wachsen. – Wir fühlen, daß, wenn Einer das Gegenteil glauben könnte, er allem Glauben schenken könne, was wir für unmöglich erklären, und alles bestreiten könnte, was wir für sicher halten.

Wie aber hängt dieser eine Glaube mit allen andern zusammen? Wir möchten sagen, daß wer jenes glauben kann, das ganze System unsrer Verifikation nicht annimmt.

Dies System ist etwas, was der Mensch durch Beobachtung und Unterricht aufnimmt. Ich sage absichtlich nicht »lernt«.

280. Nachdem er das und das gesehen und das und das gehört hat, ist er außerstande zu bezweifeln, daß ...

281. Ich, L. W., glaube, bin sicher, daß mein Freund nicht Sägespäne im Leib oder im Kopf hat, obwohl ich dafür keine direkte Evidenz der Sinne habe. Ich bin sicher, auf Grund dessen, was mir gesagt wurde, was ich gelesen habe, und meiner Erfahrungen. Daran zu zweifeln erscheint mir als Wahnsinn, freilich wieder in Übereinstimmung mit Anderen; aber ich stimme mit ihnen überein.

282. Ich kann nicht sagen, daß ich gute Gründe habe zur Ansicht, daß Katzen nicht auf Bäumen wachsen oder daß ich einen Vater und eine Mutter gehabt habe.

Wenn Einer daran zweifelt – wie soll es geschehen sein? Soll er von Anfang an nie geglaubt haben, er habe Eltern gehabt? Aber ist denn das denkbar, es sei denn, daß man ihn dies gelehrt hat?

283. Denn wie kann das Kind an dem gleich zweifeln, was man ihm beibringt? Das könnte nur bedeuten, daß es gewisse Sprachspiele nicht erlernen könnte.

284. Die Menschen haben seit den ältesten Zeiten Tiere getötet, ihr Fell, ihre Knochen etc. etc. zu gewissen Zwecken gebraucht; sie haben mit Bestimmtheit drauf gerechnet, in jedem ähnlichen Tier ähnliche Teile zu finden.

Sie haben immer aus der Erfahrung gelernt, und aus ihren Handlungen kann man ersehen, daß sie Gewisses mit Bestimmtheit glauben, ob sie diesen Glauben aussprechen oder nicht. Damit will ich natürlich nicht sagen, daß der Mensch so handeln solle, sondern nur, daß er so handelt.

285. Wenn Einer etwas sucht und wühlt etwa an einem bestimmten Platz die Erde auf, so zeigt er damit, daß er glaubt, das, was er sucht, sei dort.

286. Woran wir glauben, hängt von dem ab, was wir lernen. Wir alle glauben, es sei unmöglich, auf den Mond zu kommen; aber es könnte Leute geben, die glauben, es sei möglich und geschehe manchmal. Wir sagen: diese wissen Vieles nicht, was wir wissen. Und sie mögen ihrer Sache noch so sicher sein – sie sind im Irrtum, und wir wissen es. Wenn wir unser System des Wissens mit ihrem vergleichen, so zeigt sich ihres als das weit ärmere.

23.9.50

287. Das Eichhörnchen schließt nicht durch Induktion, daß es auch im nächsten Winter Vorräte brauchen wird. Und ebensowenig brauchen wir ein Gesetz der Induktion, um unsre Handlungen und Vorhersagen zu rechtfertigen.

288. Ich weiß nicht nur, daß die Erde lange vor meiner Geburt existiert hat, sondern auch, daß sie ein großer Körper ist, daß man das festgestellt hat, daß ich und die andern Menschen viele Ahnen haben, daß es Bücher über das alles gibt, daß solche Bücher nicht lügen, etc. etc. etc. Und das alles weiß ich? Ich glaube es. Dieser Wissenskörper wurde mir überliefert, und ich habe keinen Grund, an ihm zu zweifeln, sondern vielerlei Bestätigungen.

Und warum soll ich nicht sagen, ich wisse das alles? Sagt man nicht eben dies?

Aber nicht nur ich weiß oder glaube alles das, sondern die Andern auch. Oder vielmehr, ich glaube, daß sie es glauben.

289. Ich bin fest überzeugt, daß die Andern glauben, zu wissen glauben, daß es sich alles so verhält.

290. Ich habe selbst in meinem Buch geschrieben, das Kind lerne ein Wort so und so verstehen: Weiß ich das, oder glaube ich das? Warum schreibe ich in so einem Falle nicht »Ich glaube ...«, sondern einfach den Behauptungssatz?

291. Wir wissen, daß die Erde rund ist. Wir haben uns endgültig davon überzeugt, daß sie rund ist.

Bei dieser Ansicht werden wir verharren, es sei denn, daß sich unsere ganze Naturanschauung ändert. »Wie weißt du das?« – Ich glaube es.

292. Weitere Versuche können die früheren nicht Lügen strafen, höchstens unsere ganze Betrachtung ändern.

293. Ähnlich der Satz »Das Wasser siedet bei 100º C.«

294. So überzeugen wir uns, das nennt man »mit Recht davon überzeugt sein«.

295. Hat man also nicht, in diesem Sinne, einen Beweis des Satzes? Aber es ist kein Beweis dafür, daß dasselbe wieder geschehen ist; aber wir sagen, es gibt uns ein Recht, dies anzunehmen.

296. Dies nennen wir »Erfahrungsmäßige Begründung« unsrer Annahmen.

297. Wir lernen eben nicht nur, daß die und die Versuche so und so ausgegangen sind, sondern auch den Schlußsatz. Und daran ist natürlich nichts Falsches. Denn dieser Satz ist ein Instrument für bestimmten Gebrauch.

298. Wir sind dessen ganz sicher, heißt nicht nur, daß jeder Einzelne dessen gewiß ist, sondern, daß wir zu einer Gemeinschaft gehören, die durch die Wissenschaft und Erziehung verbunden ist.

299. We are satisfied that the earth is round.

10.3.51

300. Nicht alle Korrekturen unsrer Ansichten stehen auf der gleichen Stufe.

301. Angenommen, es sei nicht wahr, daß die Erde schon lange vor meiner Geburt existiert hat, wie hat man sich die Entdeckung dieses Fehlers vorzustellen?

302. Es ist nichts nutz zu sagen »Vielleicht irren wir uns«, wenn, wenn keiner Evidenz zu trauen ist, im Fall der gegenwärtigen Evidenz nicht zu trauen ist.

303. Wenn wir uns z. B. immer verrechnet haben und 12 × 12 nicht 144 ist, warum sollten wir dann irgendeiner anderen Rechnung trauen? Und das ist natürlich falsch ausgedrückt.

304. Aber auch ich irre mich in dieser Formel des Einmaleins nicht. Ich mag später einmal sagen, ich sei jetzt verwirrt gewesen, aber nicht, ich hätte mich geirrt.

305. Hier ist wieder ein Schritt nötig ähnlich dem der Relativitätstheorie.

306. »Ich weiß nicht, ob das eine Hand ist.« Weißt du aber, was das Wort »Hand« bedeutet? Und sag nicht »Ich weiß, was es jetzt für mich bedeutet«. Und ist das nicht eine Erfahrungstatsache, daß dies Wort so gebraucht wird?

307. Und hier ist es nun sonderbar, daß, wenn ich auch des Gebrauchs der Wörter ganz sicher bin, keinen Zweifel darüber habe, ich doch keine Gründe für meine Handlungsweise angeben kann. Versuchte ich’s, so könnte ich 1000 geben, aber keinen, der so sicher wäre, wie eben das, was sie begründen sollen.

308. »Wissen« und »Sicherheit« gehören zu verschiedenen Kategorien. Es sind nicht zwei »Seelenzustände« wie etwa »Vermuten« und »Sichersein«. (Hier nehme ich an, daß es für mich sinnvoll sei zu sagen »Ich weiß, was das Wort »Zweifel« {z. B.} bedeutet« und daß dieser Satz dem Wort »Zweifel« eine logische Rolle anweist.) Was uns nun interessiert ist nicht das Sichersein, sondern das Wissen. D. h. uns interessiert, daß es über gewisse Erfahrungssätze keinen Zweifel geben kann, wenn ein Urteil überhaupt möglich sein soll. Oder auch: Ich bin geneigt zu glauben, daß nicht alles, was die Form eines Erfahrungssatzes hat, ein Erfahrungssatz ist.

309. Ist es, daß Regel und Erfahrungssatz ineinander übergehen?

310. Ein Schüler und ein Lehrer. Der Schüler läßt sich nichts erklären, denn er unterbricht (den Lehrer) fortwährend mit Zweifeln, z. B. an der Existenz der Dinge, der Bedeutung der Wörter, etc. Der Lehrer sagt: »Unterbrich nicht mehr und tu, was ich dir sage; deine Zweifel haben jetzt noch gar keinen Sinn.«

311. Oder denk dir, der Schüler bezweifelte die Geschichte (und alles, was mit ihr zusammenhängt), ja auch, ob die Erde vor 100 Jahren überhaupt existiert habe.

312. Da ist es mir, als wäre dieser Zweifel hohl. Aber ist es dann nicht auch der Glaube an die Geschichte? Nein; dieser hängt mit so vielem zusammen.

313. So ist das also, was uns einen Satz glauben macht? Nun, es hängt eben die Grammatik von »glauben« mit der des geglaubten Satzes zusammen.

314. Denk dir, der Schüler fragte wirklich: »Und ist ein Tisch auch da, wenn ich mich umdrehe; und auch, wenn ihn niemand sieht?« Soll da der Lehrer ihn beruhigen und sagen »Freilich ist er da!« –

Vielleicht wird der Lehrer ein bißchen ungeduldig werden, sich aber denken, der Schüler werde sich solche Fragen schon abgewöhnen.

315. D. h. der Lehrer wird empfinden, dies sei eigentlich keine berechtigte Frage.

Und gleichermaßen, wenn der Schüler die Gesetzlichkeit der Natur, also die Berechtigung zu Induktionsschlüssen, anzweifelte. – Der Lehrer würde empfinden, daß das ihn und den Schüler nur aufhält, daß er dadurch im Lernen nur steckenbliebe und nicht weiterkäme. – Und er hätte recht. Es wäre, als sollte jemand nach einem Gegenstand im Zimmer suchen; er öffnet eine Lade und sieht ihn nicht darin; da schließt er sie wieder, wartet und öffnet sie wieder, um zu sehen, ob er jetzt nicht etwa darin sei, und so fährt er fort. Er hat noch nicht suchen gelernt. Und so hat jener Schüler noch nicht fragen gelernt. Nicht das Spiel gelernt, das wir ihn lehren wollen.

316. Und ist es nicht dasselbe, wie wenn der Schüler den Geschichtsunterricht aufhielte durch Zweifel darüber, ob die Erde wirklich ...?

317. Dieser Zweifel gehört nicht zu den Zweifeln unsers Spiels. (Nicht aber, als ob wir uns dieses Spiel aussuchten!)

12.3.51

318. »Die Frage kommt gar nicht auf.« Ihre Antwort würde eine Methode charakterisieren. Es ist aber keine scharfe Grenze zwischen methodologischen Sätzen und Sätzen innerhalb einer Methode.

319. Aber müßte man dann nicht sagen, daß es keine scharfe Grenze gibt zwischen Sätzen der Logik und Erfahrungssätzen? Die Unschärfe ist eben die der Grenze zwischen Regel und Erfahrungssatz.

320. Hier muß man, glaube ich, daran denken, daß der Begriff »Satz« selbst nicht scharf ist.

321. Ich sage doch: Jeder Erfahrungssatz kann umgewandelt werden in ein Postulat – und wird dann eine Norm der Darstellung. Aber auch dagegen habe ich ein Mißtrauen. Der Satz ist zu allgemein. Man möchte fast sagen »Jeder Erfahrungssatz kann, theoretisch, umgewandelt werden ...«, aber was heißt hier »theoretisch«? Es klingt eben zu sehr nach der Log. Phil. Abh.

322. Wie, wenn der Schüler nicht glauben wollte, daß dieser Berg seit Menschengedenken immer dagestanden ist?

Wir würden sagen, er habe ja gar keinen Grund zu diesem Mißtrauen.

323. Also muß vernünftiges Mißtrauen einen Grund haben? Wir könnten auch sagen: »Der Vernünftige glaubt dies.«

324. Wir würden also den nicht vernünftig nennen, der etwas, wissenschaftlicher Evidenz zum Trotz, glaubt.

325. Wenn wir sagen, wir wissen, daß ..., so meinen wir, daß jeder Vernünftige in unserer Lage es auch wüßte, daß es Unvernunft wäre, es zu bezweifeln. So will auch Moore nicht nur sagen, er wisse, daß er etc. etc., sondern auch, daß jeder Vernunftbegabte in seiner Lage es ebenso wüßte.

326. Wer sagt uns aber, was in dieser Lage vernünftig ist zu glauben?

327. Man könnte also sagen: »Der vernünftige Mensch glaubt: daß die Erde längst vor seiner Geburt existiert hat, daß sein Leben sich auf der Erdoberfläche oder nicht weit von ihr abgespielt hat, daß er z. B. nie auf dem Mond war, daß er ein Nervensystem besitzt und verschiedene Innereien wie alle anderen Menschen etc. etc.«

328. »Ich weiß es so, wie ich weiß, daß ich L. W. heiße.«

329. »Wenn er das bezweifelt – was immer hier »bezweifeln« heißt –, dann wird er dieses Spiel nie erlernen.«

330. Der Satz »Ich weiß ...« drückt also hier die Bereitschaft aus, gewisse Dinge zu glauben.

13.3.

331. Wenn wir überhaupt auf den Glauben hin mit Sicherheit handeln, sollen wir uns dann wundern, daß wir an Vielem nicht zweifeln können?

332. Denk dir, jemand würde, ohne philosophieren zu wollen, sagen: »Ich weiß nicht, ob ich je auf dem Mond gewesen bin; ich erinnere mich nicht, jemals dort gewesen zu sein.« (Warum wäre dieser Mensch von uns so grundverschieden?)

Vor allem: Wie wüßte er denn, daß er auf dem Mond ist? Wie stellt er sich das vor? Vergleiche: »Ich weiß nicht, ob ich je im Dorfe X war.« Aber ich könnte auch das nicht sagen, wenn X in der Türkei läge, denn ich weiß, daß ich nie in der Türkei war.

333. Ich frage jemand: »Warst du jemals in China?« Er antwortet: »Ich weiß nicht.« Da würde man doch sagen: »Du weißt es nicht? Hast du irgendeinen Grund zu glauben, du wärest vielleicht einmal dort gewesen? Warst du z. B. einmal in der Nähe der chinesischen Grenze? Oder waren deine Eltern dort zur Zeit, da du geboren wurdest?« – Normalerweise wissen Europäer doch, ob sie in China waren oder nicht.

334. D. h.: der Vernünftige zweifelt daran nur unter den und den Umständen.

335. Das Verfahren in einem Gerichtssaal beruht darauf, daß Umstände Aussagen eine gewisse Wahrscheinlichkeit geben. Die Aussage z. B., jemand sei ohne Eltern auf die Welt gekommen, würde dort nie in Erwägung gezogen werden.

336. Aber was Menschen vernünftig oder unvernünftig erscheint, ändert sich. Zu gewissen Zeiten scheint Menschen etwas vernünftig, was zu andern Zeiten unvernünftig schien. U. u.

Aber gibt es hier nicht ein objektives Merkmal?

Sehr gescheite und gebildete Leute glauben an die Schöpfungsgeschichte der Bibel, und andere halten sie für erwiesenermaßen falsch, und diese Gründe sind jenen bekannt.

337. Man kann nicht experimentieren, wenn man nicht manches nicht bezweifelt. Das heißt aber nicht, daß man dann gewisse Voraussetzungen auf guten Glauben hinnimmt. Wenn ich einen Brief schreibe und aufgebe, so nehme ich an, daß er ankommen wird, das erwarte ich.

Wenn ich experimentiere, so zweifle ich nicht an der Existenz des Apparates, den ich vor den Augen habe. Ich habe eine Menge Zweifel, aber nicht den. Wenn ich eine Rechnung mache, so glaube ich, ohne Zweifel, daß sich die Ziffern auf dem Papier nicht von selbst vertauschen, auch vertraue ich fortwährend meinem Gedächtnis und vertraue ihm unbedingt. Es ist hier dieselbe Sicherheit wie, daß ich nie auf dem Mond war.

338. Denken wir uns aber Leute, die dieser Sachen nie ganz sicher wären, aber wohl sagten, es sei sehr wahrscheinlich so und es lohne sich nicht, daran zu zweifeln. So einer würde also, wenn er in meiner Lage wäre, sagen: »Es ist höchst unwahrscheinlich, daß ich je auf dem Mond war«, etc. etc. Wie würde sich das Leben dieser Leute von unserem unterscheiden? Es gibt ja Leute, die sagen, es sei nur höchst wahrscheinlich, daß das Wasser im Kessel, der überm Feuer steht, kochen und nicht gefrieren wird, es sei also strenggenommen, was wir als unmöglich ansehen, nur unwahrscheinlich. Welchen Unterschied macht dies in ihrem Leben? Ist es nicht nur, daß sie über gewisse Dinge etwas mehr reden als die Andern?

339. Denk dir einen Menschen, der seinen Freund vom Bahnhof abholen soll und nun nicht einfach im Fahrplan nachsucht und zur gewissen Zeit auf den Bahnhof geht, sondern er sagt: »Ich glaube nicht, daß der Zug wirklich ankommen wird, aber ich werde dennoch zur Bahn gehen.« Er tut alles, was der gewöhnliche Mensch tut, begleitet es aber mit Zweifeln oder Unwillen über sich selbst etc.

340. Mit derselben Gewißheit, mit der wir irgendeinen mathematischen Satz glauben, wissen wir auch, wie die Buchstaben »A« und »B« auszusprechen sind, wie die Farbe des menschlichen Bluts heißt, daß andre Menschen Blut haben und es »Blut« nennen.

341. D. h. die Fragen, die wir stellen, und unsre Zweifel beruhen darauf, daß gewisse Sätze vom Zweifel ausgenommen sind, gleichsam die Angeln, in welchen jene sich bewegen.

342. D. h. es gehört zur Logik unsrer wissenschaftlichen Untersuchungen, daß Gewisses in der Tat nicht angezweifelt wird.

343. Es ist aber damit nicht so, daß wir eben nicht alles untersuchen können und uns daher notgedrungen mit der Annahme zufriedenstellen müssen. Wenn ich will, daß die Türe sich drehe, müssen die Angeln feststehen.

344. Mein Leben besteht darin, daß ich mich mit manchem zufriedengebe.

345. Wenn ich frage »Welche Farbe siehst du jetzt?«, um nämlich zu erfahren, welche Farbe jetzt dort ist, so kann ich nicht zu gleicher Zeit auch bezweifeln, ob der Angeredete Deutsch versteht, ob er mich hintergehen will, ob mein eigenes Gedächtnis, die Bedeutung der Farbnamen betreffend, mich nicht im Stich läßt, etc.

346. Wenn ich Einen im Schach matt zu setzen suche, kann ich nicht zweifeln, ob die Figuren nicht etwa von selbst ihre Stellungen wechseln und zugleich mein Gedächtnis mir einen Streich spielt, daß ich’s nicht merke.

15.3.51

347. »I know that that’s a tree.« Warum kommt mir vor, ich verstünde den Satz nicht? obwohl er doch ein höchst einfacher Satz von der gewöhnlichsten Art ist? Es ist, als könnte ich meinen Geist nicht auf irgendeine Bedeutung einstellen. Weil ich nämlich die Einstellung nicht in dem Bereiche suche, wo sie ist. Sowie ich aus der philosophischen an eine alltägliche Anwendung des Satzes denke, wird sein Sinn klar und gewöhnlich.

348. So wie die Worte »Ich bin hier« nur in gewissen Zusammenhängen Sinn haben, nicht aber, wenn ich sie Einem sage, der mir gegenüber sitzt und mich klar sieht, – und zwar nicht darum, weil sie dann überflüssig sind, sondern, weil ihr Sinn durch die Situation nicht bestimmt ist, aber so eine Bestimmung braucht.

349. »Ich weiß, daß das ein Baum ist« – dies kann alles mögliche bedeuten: Ich schaue auf eine Pflanze, die ich für eine junge Buche, der Andre für eine Ribiselpflanze hält. Er sagt »Das ist ein Strauch«, ich, es sei ein Baum. – Wir sehen im Nebel etwas, was einer von uns für einen Menschen hält, der Andre sagt »Ich weiß, daß das ein Baum ist«. Jemand will meine Augen prüfen etc. etc. – etc. etc. Jedesmal ist das »das«, was ich für einen Baum erkläre, von andrer Art.

Wie aber, wenn wir uns bestimmter ausdrückten? also z. B.: »Ich weiß, daß das dort ein Baum ist, ich sehe es klar genug.« – Nehmen wir sogar an, ich hätte im Zusammenhang eines Gesprächs diese Bemerkung gemacht (die also damals relevant war); und nun, außer allem Zusammenhang, wiederhole ich sie, indem ich den Baum ansehe, und ich setze hinzu »Ich meine diese Worte so wie vor 5 Minuten«. – Wenn ich z. B. dazu sagte, ich hätte wieder an meine schlechten Augen gedacht und es sei eine Art Seufzer gewesen, so wäre nichts Rätselhaftes an der Äußerung.

Wie der Satz gemeint ist, kann ja durch eine Ergänzung des Satzes ausgedrückt werden und läßt sich also mit ihm vereinigen.

350. »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, sagt ein Philosoph etwa, um sich selbst oder einem Andern vor Augen zu führen, er wisse etwas, was keine mathematische oder logische Wahrheit sei. Ähnlich könnte jemand, der mit dem Gedanken umgeht, er sei zu nichts mehr zu brauchen, sich immer wieder sagen »Ich kann noch immer das und das und das tun«. Gingen solche Gedanken öfter in seinem Kopf herum, so würde man sich nicht darüber wundem, wenn er, scheinbar außer allem Zusammenhang, so einen Satz vor sich hinspräche. (Ich habe aber hier bereits einen Hintergrund, eine Umgebung für diese Äußerungen eingezeichnet, ihnen also einen Zusammenhang gegeben.) Wenn Einer dagegen, unter ganz heterogenen Umständen, mit der überzeugendsten Mimik ausriefe »Nieder mit ihm!«, so könnte man von diesen Worten (und ihrem Tone) sagen, sie seien eine Figur, die allerdings wohlbekannte Anwendungen habe, hier aber sei es nicht einmal klar, welche Sprache der Betreffende rede. Ich könnte mit meiner Hand die Bewegung machen, die zu machen wäre, wenn ich einen Fuchsschwanz in der Hand hätte und ein Brett durchsägte; aber hatte man ein Recht, diese Bewegung außer allem Zusammenhang ein Sägen zu nennen? (Sie könnte ja auch etwas ganz anderes sein!)

351. Ist nicht die Frage »Haben diese Worte Sinn?« ähnlich der: »Ist das ein Werkzeug?«, indem man, sagen wir, einen Hammer herzeigt. Ich sage »Ja, das ist ein Hammer«. Aber wie, wenn das, was jeder von uns für einen Hammer hielte, woanders z. B. ein Wurfgeschoß oder Dirigentenstock wäre. Mache die Anwendung nun selbst!

352. Sagt nun jemand »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, so kann ich antworten: »Ja, das ist ein Satz. Ein deutscher Satz. Und was soll’s damit?« Wie, wenn er nun antwortet: »Ich wollte mich nur daran erinnern, daß ich so etwas weiß«? –

353. Wie aber, wenn er sagte: »Ich will eine logische Bemerkung machen«? – Wenn der Förster mit seinen Arbeitern in den Wald geht und nun sagt »Dieser Baum ist umzuhauen, und dieser und dieser« – wie, wenn er da die Bemerkung macht »Ich weiß, daß das ein Baum ist«? – Könnte aber nicht ich vom Förster sagen »Er weiß, daß das ein Baum ist, er untersucht es nicht, befiehlt seinen Leuten nicht, es zu untersuchen«?

354. Zweifelndes und nichtzweifelndes Benehmen. Es gibt das erste nur, wenn es das zweite gibt.

355. Der Irrenarzt etwa könnte mich fragen »Weißt du, was das ist?«, und ich antworten: »Ich weiß, daß das ein Sessel ist; ich kenne ihn, er ist immer schon in meinem Zimmer gestanden.« Er prüft da vielleicht nicht meine Augen, sondern mein Vermögen, Dinge wiederzuerkennen, ihren Namen und ihre Funktion zu wissen. Es handelt sich da um ein Sichauskennen. Es wäre nun für mich falsch zu sagen »Ich glaube, daß das ein Sessel ist«, weil dadurch die Bereitschaft zur Prüfung der Aussage ausgedrückt wäre. Während »Ich weiß, daß das ...« impliziert, daß Verblüffung einträte, wenn die Bestätigung nicht einträte.

356. Mein »Seelenzustand«, das »Wissen«, steht mir nicht gut für das, was geschehen wird. Er besteht aber darin, daß ich nicht verstünde, wo ein Zweifel ansetzen könnte, wo eine Überprüfung möglich wäre.

357. Man könnte sagen: »›Ich weiß‹ drückt die beruhigte Sicherheit aus, nicht die noch kämpfende.«

358. Ich möchte nun diese Sicherheit nicht als etwas der Vorschnellheit oder Oberflächlichkeit Verwandtes ansehen, sondern als (eine) Lebensform. (Das ist sehr schlecht ausgedrückt und wohl auch schlecht gedacht.)

359. Das heißt doch, ich will sie als etwas auffassen, was jenseits von berechtigt und unberechtigt liegt; also gleichsam als etwas Animalisches.

360. Ich ##weiß, daß dies mein Fuß ist. Ich könnte keine Erfahrung als Beweis des Gegenteils anerkennen. – Das kann ein Ausruf sein; aber was folgt daraus? Jedenfalls, daß ich mit einer Sicherheit, die den Zweifel nicht kennt, meinem Glauben gemäß handeln werde.

361. Ich könnte aber auch sagen: Es ist mir von Gott geoffenbart, daß das so ist. Gott hat mich gelehrt, daß das mein Fuß ist. Und geschähe also etwas, was dieser Erkenntnis zu widerstreiten scheint, so müßte ich das als Trug ansehen.

362. Aber zeigt sich hier nicht, daß das Wissen mit einer Entscheidung verwandt ist?

363. Und es ist hier schwer, den Übergang von dem, was man ausrufen möchte, zu den Folgen in der Handlungsweise zu finden.

364. Man könnte auch so fragen: »Wenn du weißt, daß das dein Fuß ist, – weißt du da auch, oder glaubst du nur, daß keine zukünftige Erfahrung deinem Wissen widersprechen zu scheinen wird (d. h., daß sie dir selbst nicht so scheinen wird)?«

365. Wenn nun Einer antwortete: »Ich weiß auch, daß es mir nie so scheinen wird, als widerspräche etwas jener Erkenntnis«, – was können wir daraus entnehmen, als daß er selbst nicht zweifelte, es werde das nie geschehen? –

366. Wie, wenn es verboten wäre zu sagen »Ich weiß« und erlaubt nur zu sagen »Ich glaube zu wissen«?

367. Ist nicht der Zweck, ein Wort wie »wissen« analog mit »glauben« zu konstruieren, daß dann der Aussage »Ich weiß« ein Opprobrium anhaftet, wenn, wer es sagt, sich geirrt hat.

Ein Irrtum wird dadurch zu etwas Unerlaubtem.

368. Wenn Einer sagt, er werde keine Erfahrung als Beweis des Gegenteils anerkennen, so ist das doch eine Entscheidung. Es ist möglich, daß er ihr zuwiderhandeln wird.

16.3.51

369. Wenn ich zweifeln wollte, daß dies meine Hand ist, wie könnte ich da umhin zu zweifeln, daß das Wort »Hand« irgendeine Bedeutung hat? Das scheine ich also doch zu wissen.

370. Richtiger aber: Daß ich ohne Skrupel das Wort »Hand« und alle übrigen Wörter meines Satzes gebrauche, ja, daß ich vor dem Nichts stünde, sowie ich auch nur versuchen wollte zu zweifeln – zeigt, daß die Zweifellosigkeit zum Wesen des Sprachspiels gehört, daß die Frage »Wie weiß ich ...« das Sprachspiel hinauszieht oder aufhebt.

371. Heißt nicht »Ich weiß, daß das eine Hand ist« in Moores Sinn das gleiche oder etwas Ähnliches wie: ich könnte Aussagen wie »Ich habe Schmerzen in dieser Hand« oder »Diese Hand ist schwächer als die andre« oder »Ich habe mir einmal diese Hand gebrochen« und unzählige andere in Sprachspielen gebrauchen, in welche ein Zweifel an der Existenz dieser Hand nicht eintritt.

372. Nur in gewissen Fällen ist eine Untersuchung »Ist das wirklich eine Hand?« (oder »meine Hand«) möglich. Denn der Satz »Ich zweifle daran, ob das wirklich meine (oder eine) Hand ist« hat ohne nähere Bestimmung noch keinen Sinn. Es ist aus diesen Worten allein noch nicht zu ersehen, ob überhaupt und was für ein Zweifel gemeint ist.

373. Warum soll es möglich sein, einen Grund zum Glauben zu haben, wenn es nicht möglich ist, sicher zu sein?

374. Wir lehren das Kind »Das ist deine Hand«, nicht »Das ist vielleicht (oder ›wahrscheinlich‹) deine Hand«. So lernt das Kind die unzähligen Sprachspiele, die sich mit seiner Hand beschäftigen. Eine Untersuchung oder Frage, »ob dies wirklich eine Hand sei« kommt ihm gar nicht unter. Anderseits lernt es auch nicht: es wisse, daß dies eine Hand sei.

375. Man muß hier einsehen, daß die vollkommene Zweifellosigkeit in einem Punkt, sogar dort wo, wie wir sagen würden, »berechtigte« Zweifel bestehen können, ein Sprachspiel nicht falsifizieren muß. Es gibt eben auch so etwas wie eine andere Arithmetik. Dieses Eingeständnis muß, glaube ich, am Grunde alles Verständnisses der Logik liegen.

17.3.

376. Ich kann mich mit Leidenschaft dafür erklären, daß ich weiß, daß das (z. B.) mein Fuß ist.

377. Aber diese Leidenschaft ist doch etwas (sehr) Seltenes, und es ist von ihr keine Spur, wenn ich für gewöhnlich von diesem Fuß rede.

378. Das Wissen gründet sich am Schluß auf der Anerkennung.

379. Ich sage mit Leidenschaft »Ich weiß, daß das ein Fuß ist« – aber was bedeutet es?

380. Ich könnte fortfahren: »Nichts auf der Welt wird mich vom Gegenteil überzeugen!« Das Faktum ist für mich am Grunde aller Erkenntnis. Ich werde anderes aufgeben, aber nicht das.

381. Dieses »Nichts auf der Welt ...« ist offenbar eine Einstellung, die man nicht gegenüber alledem hat, was man glaubt oder dessen man sicher ist.

382. Es ist damit nicht gesagt, daß wirklich nichts auf der Welt imstande sein wird, mich eines andern zu überzeugen.

383. Das Argument »Vielleicht träume ich« ist darum sinnlos, weil dann eben auch diese Äußerung geträumt ist, ja auch das, daß diese Worte eine Bedeutung haben.

384. Welcher Art ist nun der Satz »Nichts auf der Welt ...«?

385. Er hat die Form einer Vorhersage, ist aber (natürlich) nicht eine, die auf Erfahrung beruht.

386. Wer, wie Moore, sagt, er wisse, daß ... – gibt den Grad der Gewißheit an, den etwas für ihn hat. Und es ist wichtig, daß es für diesen Grad ein Maximum gibt.

387. Man könnte mich fragen: »Wie sicher bist du: daß das dort ein Baum ist; daß du Geld in der Tasche hast; daß das dein Fuß ist?« Und die Antwort könnte in einem Fall sein »nicht sicher«, in einem andern »so gut wie sicher«, im dritten »Ich kann nicht zweifeln«. Und diese Antworten hätten Sinn auch ohne alle Gründe. Ich brauchte z. B. nicht zu sagen: »Ich kann nicht sicher sein, ob das ein Baum ist, weil meine Augen  nicht scharf genug sind.« Ich will sagen: es hatte Sinn für Moore zu sagen »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, wenn er damit etwas ganz Bestimmtes sagen wollte.

[Ich glaube, einen Philosophen, einen der selbst denken kann, könnte es interessieren, meine Noten zu lesen. Denn wenn ich auch nur selten ins Schwarze getroffen habe, so würde er doch erkennen, nach welchen Zielen ich unablässig geschossen habe.]

388. Jeder von uns gebraucht oft einen solchen Satz, und es ist nicht fraglich, ob er Sinn hat. Läßt sich damit auch ein philosophischer Aufschluß geben? Ist es mehr ein Beweiß der Existenz der äußern Dinge, daß ich weiß, daß das eine Hand ist, als daß ich nicht weiß, ob das Gold oder Messing ist?

18.3.

389. Moore wollte ein Beispiel dafür geben, daß man Sätze über physikalische Gegenstände wirklich wissen könne. Wenn es streitig wäre, ob man an der und der bestimmten Stelle des Körpers Schmerzen haben kann, dann könnte Einer, der gerade dort Schmerzen hat, sagen: »Ich versichere dich, ich habe jetzt da Schmerzen.« Es klänge aber seltsam, wenn Moore gesagt hätte: »Ich versichere dich, ich weiß, daß das ein Baum ist.« Es hat eben hier nicht ein persönliches Erlebnis für uns Interesse.

390. Wichtig ist nur, daß es Sinn hat zu sagen, man wisse so etwas; und daher kann die Versicherung, man wisse es, hier nichts ausrichten.

391. Denk dir ein Sprachspiel »Wenn ich dich rufe, komm zur Tür herein«. In allen gewöhnlichen Fällen wird ein Zweifel, ob wirklich eine Tür da ist, unmöglich sein.

392. Was ich zeigen muß, ist, daß ein Zweifel nicht notwendig ist, auch wenn er möglich ist. Daß die Möglichkeit des Sprachspiels nicht davon abhängt, daß alles bezweifelt werde, was bezweifelt werden kann. (Das hängt mit der Rolle des Widerspruchs in der Mathematik zusammen.)

393. Der Satz »Ich weiß, daß das ein Baum ist« könnte, wenn er außerhalb seines Sprachspiels gesagt wird, auch ein Zitat (aus einer deutschen Sprachlehre etwa) sein. – »Aber wenn ich ihn nun meine, während ich ihn spreche?« Das alte Mißverständnis, den Begriff »meinen« betreffend.

394. »Dies gehört zu den Dingen, an denen ich nicht zweifeln kann.«

395. »Ich weiß das alles.« Und das wird sich darin zeigen, wie ich handle und über die Dinge spreche.

396. Im Sprachspiel (2),3 kann er sagen, er wisse, daß das Bausteine sind? – »Nein, aber er weiß es.«

397. Habe ich mich nicht geirrt und hat nicht Moore vollkommen recht? Habe ich nicht den elementaren Fehler gemacht, zu verwechseln, was man denkt, mit dem, was man weiß? Freilich denke ich nicht »Die Erde hat einige Zeit vor meiner Geburt schon existiert«, aber weiß ich’s drum nicht? Zeige ich nicht, daß ich’s weiß, indem ich immer die Konsequenzen draus ziehe?

398. Weiß ich nicht auch, daß von diesem Haus keine Stiege sechs Stock tief in die Erde führt, obgleich ich noch nie dran gedacht habe?

399. Aber zeigt, daß ich die Konsequenzen draus ziehe, nicht nur, daß ich diese Hypothese annehme?

19.3.

400. Ich bin hier geneigt, gegen Windmühlen zu kämpfen, weil ich das noch nicht sagen kann, was ich eigentlich sagen will.

401. Ich will sagen: Sätze von der Form der Erfahrungssätze und nicht nur Sätze der Logik gehören zum Fundament alles Operierens mit Gedanken (mit der Sprache). – Diese Feststellung ist nicht von der Form »Ich weiß, ...«. »Ich weiß, ...« sagt aus, was ich weiß, und das ist nicht von logischem Interesse.

402. In dieser Bemerkung ist schon der Ausdruck »Sätze von der Form der Erfahrungssätze« ganz schlecht; es handelt sich um Aussagen über Gegenstände. Und sie dienen nicht als Fundamente wie Hypothesen, die, wenn sie sich als falsch erweisen, durch andere ersetzt werden.

... und schreib getrost
»Im Anfang war die Tat.«4

403. Vom Menschen, in Moores Sinne, zu sagen, er wisse etwas; was er sage, sei also unbedingt die Wahrheit, scheint mir falsch. – Es ist die Wahrheit nur insofern, als es eine unwankende Grundlage seiner Sprachspiele ist.

404. Ich will sagen: Es ist nicht so, daß der Mensch in gewissen Punkten mit vollkommener Sicherheit die Wahrheit weiß. Sondern die vollkommene Sicherheit bezieht sich nur auf seine Einstellung.

405. Aber auch hier ist natürlich noch ein Fehler.

406. Das, worauf ich abziele, liegt auch in dem Unterschied zwischen der beiläufigen Feststellung »Ich weiß, daß das ...«, wie sie im gewöhnlichen Leben gebraucht wird, und dieser Äußerung, wenn der Philosoph sie macht.

407. Denn wenn Moore sagt »Ich weiß, daß das ... ist«, möchte ich antworten: »Du weißt gar nichts!« Und doch würde ich das dem nicht antworten, der ohne philosophische Absicht so spricht. Ich fühle also (ob mit Recht?), daß diese zwei Verschiedenes sagen wollen.

408. Denn sagt Einer, er wisse das und das, und das gehört zu seiner Philosophie – so ist sie falsch, wenn er in jener Aussage fehlgegangen ist.

409. Wenn ich sage »Ich weiß, daß das ein Fuß ist« – was sage ich eigentlich? Ist nicht der ganze Witz, daß ich der Konsequenzen sicher bin, daß, wenn ein Andrer gezweifelt hätte, ich ihm sagen könnte »Siehst du, ich hab dir’s gesagt«? Wäre mein Wissen noch etwas wert, wenn es als Richtschnur des Handelns versagte? Und kann es nicht versagen?

20.3.

410. Unser Wissen bildet ein großes System. Und nur in diesem System hat das Einzelne den Wert, den wir ihm beilegen.

411. Wenn ich sage »Wir nehmen an, daß die Erde schon viele Jahre existiert habe« (oder dergl.), so klingt es freilich sonderbar, daß wir so etwas annehmen sollten. Aber im ganzen System unsrer Sprachspiele gehört es zum Fundament. Die Annahme, kann man sagen, bildet die Grundlage des Handelns und also natürlich auch des Denkens.

412. Wer nicht imstande ist, sich einen Fall vorzustellen, in dem man sagen könnte »Ich weiß, daß das meine Hand ist« (und solche Fälle sind ja selten), der könnte sagen, diese Worte wären Unsinn. Er könnte freilich auch sagen: »Freilich weiß ich’s, wie könnte ich’s nicht wissen?« – aber da würde er vielleicht den Satz »Das ist meine Hand« als Erklärung der Worte »meine Hand« verstehen.

413. Denn nimm an, du führtest einem Blinden die Hand und sagtest, indem du sie deiner Hand entlang führst, »Das ist meine Hand«; wenn er dich nun fragte »Bist du sicher?« oder »Weißt du das?«, so würde das nur unter sehr besondern Umständen Sinn haben.

414. Aber anderseits: Woher weiß ich, daß das meine Hand ist? Ja, weiß ich auch hier genau, was es bedeutet zu sagen, es sei meine Hand? – Wenn ich sage »Woher weiß ich’s?«, so meine ich nicht, daß ich im mindesten daran zweifle. Es ist hier eine Grundlage meines ganzen Handelns. Aber mir scheint, sie ist falsch ausgedrückt durch die Worte »Ich weiß ...«

415. Ja, ist nicht der Gebrauch des Wortes Wissen, als eines ausgezeichneten philosophischen Worts, überhaupt ganz falsch? Wenn »wissen« dieses Interesse hat, warum nicht »sicher sein«? Offenbar, weil es zu subjektiv wäre. Aber ist wissen nicht ebenso subjektiv? Ist man nicht nur durch die grammatische Eigentümlichkeit getäuscht, daß aus »ich weiß p« »p« folgt?

»Ich glaube es zu wissen« müßte keinen mindern Grad der Gewißheit ausdrücken. – Ja, aber man will nicht subjektive Sicherheit ausdrücken, auch nicht die größte, sondern dies, daß gewisse Sätze am Grunde aller Fragen und alles Denkens zu liegen scheinen.

416. Ist nun so ein Satz z. B., daß ich in diesem Zimmer wochenlang gelebt habe, daß mich mein Gedächtnis darin nicht täuscht?

–  »certain beyond all reasonable doubt« –

21.3.

417. »Ich weiß, daß ich im letzten Monat täglich gebadet habe.« Woran erinnre ich mich? An jeden Tag und das Bad an jedem Morgen? Nein. Ich weiß, daß ich jeden Tag gebadet habe, und ich entnehme das nicht aus einem andern unmittelbaren Datum. Ähnlich sage ich »Ich habe einen Stich im Arm empfunden«, ohne daß diese Lokalität mir auf eine andre Weise (durch ein Bild etwa) zum Bewußtsein käme.

418. Ist mein Verständnis nur Blindheit gegen mein eigenes Unverständnis? Oft scheint es mir so.

419. Wenn ich sage »Ich war nie in Kleinasien«, woher kommt mir dieses Wissen? Ich habe es nicht berechnet, niemand hat es mir gesagt; mein Gedächtnis sagt es mir. – So kann ich mich also darin nicht irren? Ist hier eine Wahrheit, die ich weiß? – Ich kann von diesem Urteil nicht abgehen, ohne alle andern Urteile mitzureißen.

420. Auch ein Satz wie der, daß ich jetzt in England lebe, hat diese zwei Seiten: Ein Irrtum ist er nicht – aber anderseits: was weiß ich von England? Kann ich nicht ganz in meinem Urteilen fehlgehen?

Wäre es nicht möglich, daß Menschen zu mir ins Zimmer kämen, die Alle das Gegenteil aussagten, ja, mir »Beweise« dafür gäben, so daß ich plötzlich wie ein Wahnsinniger unter lauter Normalen, oder ein Normaler unter Verrückten, allein dastünde? Könnten mir da nicht Zweifel an dem kommen, was mir jetzt das Unzweifelhafteste ist?

421. Ich bin in England. – Alles um mich herum sagt es mir, sowie ich meine Gedanken schweifen lasse und wohin immer, so bestätigen sie mir’s. – Könnte ich aber nicht irre werden, wenn Dinge geschähen, die ich mir jetzt nicht träumen lasse?

422. Ich will also etwas sagen, was wie Pragmatismus klingt. Mir kommt hier eine Art Weltanschauung in die Quere.

423. Warum sag ich also mit Moore nicht einfach »Ich weiß, daß ich in England bin«? Dies zu sagen, hat unter bestimmten Umständen, die ich mir vorstellen kann, Sinn. Wenn ich aber, nicht in diesen Umständen, den Satz ausspreche als Beispiel dafür, daß Wahrheiten dieser Art von mir mit Gewißheit zu erkennen sind, dann wird er mir sofort verdächtig. – Ob mit Recht??

424. Ich sage »Ich weiß p«, entweder um zu versichern, daß auch mir die Wahrheit p bekannt sei, oder einfach als eine Verstärkung von ⊢ p. Man sagt auch »Ich glaube es nicht, ich weiß es«. Und das könnte man auch so ausdrücken (z. B.): »Das ist ein Baum. Und das ist keine bloße Vermutung.«

Aber wie ist es damit: »Wenn ich jemand mitteilte, daß das ein Baum ist, so wäre es keine bloße Vermutung.« Ist nicht dies, was Moore sagen wollte?

425. Es wäre keine Vermutung, und ich könnte es dem Andern mit absoluter Sicherheit mitteilen, als etwas, woran nicht zu zweifeln ist. Heißt das aber, daß es unbedingt die Wahrheit ist? Kann sich das, was ich mit der vollsten Bestimmtheit als den Baum erkenne, den ich mein Leben lang hier gesehen habe, kann sich das nicht als etwas andres entpuppen? Kann es mich nicht verblüffen?

Und dennoch war es richtig unter den Umständen, die diesem Satz Sinn verleihen, zu sagen »Ich weiß (ich vermute nicht nur), daß das ein Baum ist«. Zu sagen, in Wahrheit glaube ich es nur, wäre falsch. Es wäre gänzlich irreführend zu sagen: ich glaube, ich heiße L. W. Und es ist auch richtig: ich kann mich darin nicht irren. Aber das heißt nicht, ich sei darin unfehlbar.

21.3.51

426. Wie aber ist es Einem zu zeigen, daß wir nicht nur Wahrheiten über Sinnesdaten, sondern auch solche über Dinge wissen? Denn es kann doch nicht genug sein, daß jemand uns versichert, er wisse dies. Wovon muß man denn ausgehen, um das zu zeigen?

22.3.

427. Man muß zeigen, daß, auch wenn er nie die Worte gebraucht »Ich weiß, ...«, sein Gebaren das zeigt, worauf es uns ankommt.

428. Denn wie, wenn ein normal handelnder Mensch uns versicherte: er glaube nur, er heiße soundso, er glaube seine ständigen Hausgenossen zu erkennen, er glaube Hände und Füße zu haben, wenn er sie nicht gerade sieht, usw. Können wir ihm aus seinen Handlungen (und Reden) zeigen, daß es nicht so ist?

23.3.51

429. Welchen Grund habe ich jetzt, da ich meine Zehen nicht sehe, anzunehmen, daß ich fünf Zehen an jedem Fuß habe?

Ist es richtig zu sagen, der Grund sei der, daß frühere Erfahrung mich immer das gelehrt hat? Bin ich früherer Erfahrung sicherer als dessen, daß ich zehn Zehen habe?

Jene frühere Erfahrung mag wohl die Ursache meiner gegenwärtigen Sicherheit sein; aber ist sie ihr Grund?

430. Ich treffe einen Marsbewohner, und er fragt mich »Wieviel Zehen haben die Menschen?« – Ich sage: »Zehn. Ich will’s dir zeigen«, und ziehe meine Schuhe aus. Wenn er sich nun wunderte, daß ich es mit solcher Sicherheit wußte, obwohl ich meine Zehen nicht gesehen hatte. – Sollte ich da sagen: »Wir Menschen wissen, daß wir soviel Zehen haben, ob wie sie sehen oder nicht«?

26.3.51

431. »Ich weiß, daß dieses Zimmer auf dem zweiten Stock ist, daß hinter der Tür ein kurzer Gang zur Treppe führt, etc.« Es ließen sich Fälle denken, wo ich die Äußerung machen würde, aber es wären recht seltene Fälle. Anderseits aber zeige ich dieses Wissen tagtäglich durch meine Handlungen und auch in meinem Reden.

Was entnimmt nun der Andre aus diesen meinen Handlungen und Reden? Nicht nur, daß ich meiner Sache sicher bin? – Daraus, daß ich hier seit vielen Wochen gewohnt habe und täglich treppauf und -ab gegangen bin, wird er entnehmen, daß ich weiß, wo mein Zimmer gelegen ist. – Die Versicherung »Ich weiß ...« werde ich gebrauchen, wenn er das noch nicht weiß, woraus er mein Wissen unbedingt schließen müßte.

432. Die Äußerung »Ich weiß ...« kann nur in Verbindung mit der übrigen Evidenz des »Wissens« ihre Bedeutung haben.

433. Wenn ich also jemandem sage »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, so ist es, wie wenn ich ihm sagte: »Das ist ein Baum; du kannst dich absolut drauf verlassen; es ist kein Zweifel.« Und das könnte der Philosoph nur dazu gebrauchen, um zu zeigen, daß man diese Form der Rede wirklich gebraucht. Wenn das aber nicht bloß eine Bemerkung der deutschen Grammatik sein soll, so muß er die Umstände angeben, in denen dieser Ausdruck funktioniert.

434. Lehrt uns nun Erfahrung, daß Menschen unter den und den Umständen das und das wissen? Erfahrung zeigt uns gewiß, daß für gewöhnlich ein Mensch nach soundso viel Tagen sich in einem Haus, das er bewohnt, auskennt. Oder auch: Erfahrung lehrt uns, daß eines Menschen Urteil nach der und der Lehrdauer zu trauen ist. Er muß, erfahrungsgemäß, soundso lang gelernt haben, um eine richtige Vorhersage machen zu können. Aber – – –

27.3.

435. Man wird oft von einem Wort behext. Z. B. vom Wort »wissen«.

436. Ist Gott durch unser Wissen gebunden? Können manche unsrer Aussagen nicht falsch sein? Denn das ist es, was wir sagen wollen.

437. Ich bin geneigt zu sagen: »Das kann nicht falsch sein.« Das ist interessant; aber welche Folgen hat es?

438. Es wäre nicht genug, zu versichern, ich wisse, was dort und dort vorgeht – ohne Gründe anzugeben, die (den Andern) davon überzeugen, ich sei in der Lage, es zu wissen.

439. Auch die Aussage »Ich weiß, daß hinter dieser Tür ein Gang und die Stiege ins Erdgeschoß ist« klingt nur so überzeugend, weil jeder annimmt, daß ich’s weiß.

440. Es ist hier etwas Allgemeines; nicht nur etwas Persönliches.

441. Im Gerichtssaal würde die bloße Versicherung des Zeugen »Ich weiß ...« niemand überzeugen. Es muß gezeigt werden, daß der Zeuge in der Lage war zu wissen.

Auch die Versicherung »Ich weiß, daß das eine Hand ist«, wobei man die eigene Hand ansieht, wäre nicht glaubhaft, wenn wir die Umstände der Aussage nicht kennten. Und kennen wir sie, so scheint sie zu versichern, daß der Sprechende in dieser Beziehung normal ist.

442. Kann es denn nicht sein, daß ich mir einbilde, etwas zu wissen?

443. Denke, es gäbe in einer Sprache kein Wort, das unserm »wissen« entspricht. – Sie sprechen einfach die Behauptung aus. »Das ist ein Baum« etc. Es kann natürlich vorkommen, daß sie sich irren. Und da fügen sie nun dem Satz ein Zeichen hinzu, das anzeigt, für wie wahrscheinlich sie einen Irrtum halten – oder soll ich sagen: wie wahrscheinlich ein Irrtum in diesem Falle ist? Dies letztere kann man auch durch die Angabe gewisser Umstände anzeigen. Z. B. »A sagte dem B ... Ich stand ganz nahe bei ihnen, und meine Ohren sind gut« oder »A war gestern dort und dort. Ich habe ihn von weitem gesehen. Meine Augen sind nicht sehr gut« oder »Dort steht ein Baum. Ich sehe ihn deutlich und habe ihn unzählige Male gesehen«.

444. »Der Zug geht um 2 Uhr. Prüf zur Sicherheit noch einmal nach« oder »Der Zug geht um 2 Uhr. Ich habe gerade in einem neuen Fahrplan nachgeschaut«. Man kann auch hinzufügen »Ich bin in solchen Sachen verläßlich«. Die Nützlichkeit solcher Zusätze ist offenbar.

445. Wenn ich aber sage »Ich habe zwei Hände« – was kann ich hinzufügen, um die Verläßlichkeit anzuzeigen? Höchstens, daß die Umstände die gewöhnlichen sind.

446. Warum bin ich denn so sicher, daß das meine Hand ist? Beruht nicht auf dieser Art Sicherheit das ganze Sprachspiel?

Oder: Ist in dem Sprachspiel diese »Sicherheit« nicht (schon) vorausgesetzt? Dadurch nämlich, daß der es nicht spielt, oder falsch spielt, der Gegenstände nicht mit Sicherheit erkennt.

28.3.

447. Vergleiche damit 12 × 12 = 144. Auch hier sagen wir nicht »vielleicht«. Denn sofern dieser Satz darauf beruht, daß wir uns nicht verzählen oder verrechnen, daß uns unsre Sinne beim Rechnen nicht trügen, sind die beiden, der arithmetische und der physische Satz, auf der gleichen Stufe.

Ich will sagen: Das physische Spiel ist ebenso sicher wie das arithmetische. Aber das kann mißverstanden werden. Meine Bemerkung ist eine logische, nicht eine psychologische.

448. Ich will sagen: Wenn man sich nicht darüber wundert, daß die arithmetischen Sätze (z. B. das Einmaleins) »absolut gewiß« sind, warum sollte man darüber erstaunt sein, daß der Satz »Dies ist meine Hand« es ebenso ist?

449. Es muß uns etwas als Grundlage gelehrt werden.

450. Ich will sagen: Unser Lernen hat die Form »Das ist ein Veilchen«, »Das ist ein Tisch«. Das Kind könnte allerdings das Wort »Veilchen« zum erstenmal in dem Satz hören »Das ist vielleicht ein Veilchen«; dann aber könnte es fragen »Was ist ein Veilchen?« Nun könnte dies freilich dadurch beantwortet werden, daß man ihm ein Bild zeigt. Aber wie wäre es, wenn man nur beim Vorzeigen eines Bilds sagte »Das ist ein ...«, sonst aber immer nur: »Das ist vielleicht ein ...«? – Welche praktischen Folgen soll es haben?

Ein Zweifel, der an allem zweifelte, wäre kein Zweifel.

451. Mein Einwurf gegen Moore, daß der Sinn des isolierten Satzes »Das ist ein Baum« unbestimmt sei, da nicht bestimmt ist, was das »Das« ist, wovon man aussagt, es sei ein Baum – gilt nicht; denn man kann den Sinn bestimmter machen, indem man z. B. sagt:

»Der Gegenstand dort, der ausschaut wie ein Baum, ist nicht die künstliche Imitation eines Baumes, sondern ein wirklicher Baum.«

452. Es wäre nicht vernünftig, zu zweifeln, ob das ein wirklicher Baum oder ... sei.

Daß es mir (als) zweifellos erscheint, darauf kommt’s nicht an. Wenn es unvernünftig wäre, hier zu zweifeln, so kann das nicht aus meinem Dafürhalten ersehen werden. Es müßte also eine Regel geben, die den Zweifel hier für unvernünftig erklärt. Die aber gibt es auch nicht.

453. Ich sage allerdings: »Hier würde kein vernünftiger Mensch zweifeln.« – Könnte man sich denken, daß gelehrte Richter befragt würden, ob ein Zweifel vernünftig oder unvernünftig sei?

454. Es gibt Fälle, in denen der Zweifel unvernünftig ist, andre aber, in denen er logisch unmöglich scheint. Und zwischen ihnen scheint es keine klare Grenze zu geben.

29.3.

455. Alles Sprachspiel beruht darauf, daß Wörter und Gegenstände wiedererkannt werden. Wir lernen mit der gleichen Unerbittlichkeit, daß dies ein Sessel ist, wie daß 2 × 2 = 4 ist.

456. Wenn ich also zweifle, oder unsicher bin darüber, daß das meine Hand ist (in welchem Sinn immer), warum dann nicht auch über die Bedeutung dieser Worte?

457. Will ich also sagen, daß die Sicherheit im Wesen des Sprachspiels liegt?

458. Man zweifelt aus bestimmten Gründen. Es handelt sich darum: Wie wird der Zweifel ins Sprachspiel eingeführt?

459. Wenn der Kaufmann jeden seiner Äpfel ohne Grund untersuchen wollte, um da recht sicherzugehen, warum muß er (dann) nicht die Untersuchung untersuchen? Und kann man nun hier von Glauben reden (ich meine, im Sinne von religiösem Glauben, nicht von Vermutung)? Alle psychologischen Wörter führen hier nur von der Hauptsache ab.

460. Ich gehe zum Arzt, zeige ihm meine Hand und sage »Das ist eine Hand, nicht ...; ich habe sie mir verletzt etc. etc.« Mache ich da nur eine überflüssige Mitteilung? Könnte man z. B. nicht sagen: Angenommen die Worte »Das ist eine Hand« seien eine Mitteilung – wie konntest du dann darauf rechnen, daß er die Mitteilung versteht? Ja, wenn es einem Zweifel unterliegt, »daß das eine Hand ist«, warum unterliegt es nicht auch einem Zweifel, daß ich ein Mensch bin, der dem Arzt dies mitteilt? – Anderseits kann man sich aber – wenn auch sehr seltsame – Fälle vorstellen, wo so eine Erklärung nicht überflüssig ist, oder nur überflüssig, aber nicht absurd ist.

461. Angenommen, ich wäre der Arzt, und ein Patient kommt zu mir, zeigt mir seine Hand und sagt: »Was hier wie eine Hand ausschaut, ist nicht eine ausgezeichnete Imitation, sondern wirklich eine Hand.« Worauf er von seiner Verletzung redet. – Würde ich dies wirklich als eine Mitteilung, wenn auch eine überflüssige, ansehen? Würde ich es nicht vielmehr für Unsinn halten, der allerdings die Form einer Mitteilung hat? Denn, würde ich sagen, wenn diese Mitteilung wirklich Sinn hätte, wie kann er seiner Sache sicher sein? Es fehlt der Mitteilung der Hintergrund.

30.3.

462. Warum gibt Moore unter den Dingen, die er weiß, nicht z. B. an, es gebe in dem und dem Teil von England ein Dorf, das soundso heiße? Mit andern Worten: Warum erwähnt er nicht eine Tatsache, die ihm, und nicht jedem von uns, bekannt ist?

31.3.

463. Gewiß ist doch, daß die Mitteilung »Das ist ein Baum«, wenn niemand daran zweifeln könnte, eine Art Witz sein könnte und als solche Sinn hätte. Ein Witz dieser Art ist wirklich einmal von Renan gemacht worden.

3.4.51

464. Meine Schwierigkeit läßt sich auch so demonstrieren: Ich sitze mit einem Freund im Gespräch. Plötzlich sage ich: »Ich habe schon die ganze Zeit gewußt, daß du der N. N. bist.« Ist dies wirklich nur eine überflüssige, wenn auch wahre, Bemerkung?

Es kommt mir vor, als wären diese Worte ähnlich einem »Grüß Gott«, wenn man es mitten im Gespräch dem Andern sagte.

465. Wie wäre es mit den Worten »Man weiß heute, daß es über ... Arten von Insekten gibt«, statt der Worte »Ich weiß, daß das ein Baum ist«? Wenn Einer jenen Satz plötzlich außer allem Zusammenhang ausspräche, so könnte man meinen, er habe inzwischen an etwas anderes gedacht und spreche nun einen Satz seines Gedankenganges laut aus. Oder auch: er sei in einer Trance und rede, ohne seine Worte zu verstehen.

466. Es scheint mir also, ich habe etwas schon die ganze Zeit gewußt, und doch habe es keinen Sinn, dies zu sagen, diese Wahrheit auszusprechen.

467. Ich sitze mit einem Philosophen im Garten; er sagt zu wiederholten Malen »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, wobei er auf einen Baum in unsrer Nähe zeigt. Ein Dritter kommt daher und hört das, und ich sage ihm: »Dieser Mensch ist nicht verrückt: Wir philosophieren nur.«

4.4.

468. Jemand sagt irrelevant »Das ist ein Baum«. Er könnte den Satz sagen, weil er sich erinnert, ihn in einer ähnlichen Situation gehört zu haben; oder er wurde plötzlich von der Schönheit dieses Baumes getroffen, und der Satz war ein Ausruf; oder er sagte sich den Satz als grammatisches Beispiel vor. (Etc.) Ich frage ihn nun: »Wie hast du das gemeint?«, und er antwortet: »Es war eine Mitteilung, an dich gerichtet.« Stünde mir da nicht frei, anzunehmen, er wisse nicht, was er sage, wenn er verrückt genug ist, mir diese Mitteilung machen zu wollen?

469. Jemand sagt im Gespräch zu mir zusammenhangslos »Ich wünsch dir alles Gute«. Ich bin erstaunt; aber später sehe ich ein, daß diese Worte in einem Zusammenhang mit seinen Gedanken über mich stehen. Und nun erscheinen sie mir nicht mehr sinnlos.

470. Warum ist kein Zweifel, daß ich L. W. heiße? Es scheint durchaus nichts, das man ohne weiteres zweifelfrei feststellen könnte. Man sollte nicht meinen, daß das eine der unzweifelhaften Wahrheiten ist.

5.4.

[Hier ist noch eine große Lücke in meinem Denken. Und ich zweifle, ob sie noch ausgefüllt werden wird.]

471. Es ist so schwer, den Anfang zu finden. Oder besser: Es ist schwer, am Anfang anzufangen. Und nicht versuchen, weiter zurückzugehen.

472. Wenn das Kind die Sprache lernt, lernt es zugleich, was zu untersuchen und was nicht zu untersuchen ist. Wenn es lernt, daß im Zimmer ein Schrank ist, so lehrt man es nicht zweifeln, ob, was es später sieht, noch immer ein Schrank oder nur eine Art Kulisse ist.

473. Wie man beim Schreiben eine bestimmte Grundform lernt und diese später dann variiert, so lernt man zuerst die Beständigkeit der Dinge als Norm, die dann Änderungen unterliegt.

474. Dieses Spiel bewährt sich. Das mag die Ursache sein, weshalb es gespielt wird, aber es ist nicht der Grund.

475. Ich will den Menschen hier als Tier betrachten; als ein primitives Wesen, dem man zwar Instinkt, aber nicht Raisonnement zutraut. Als ein Wesen in einem primitiven Zustande. Denn welche Logik für ein primitives Verständigungsmittel genügt, deren brauchen wir uns auch nicht zu schämen. Die Sprache ist nicht aus einem Raisonnement hervorgegangen.

6.4.

476. Das Kind lernt nicht, daß es Bücher gibt, daß es Sessel gibt, etc. etc., sondern es lernt Bücher holen, sich auf Sessel (zu) setzen, etc.

Es kommen freilich später auch Fragen nach der Existenz auf: »Gibt es ein Einhorn?« usw. Aber so eine Frage ist nur möglich, weil in der Regel keine ihr entsprechende auftritt. Denn wie weiß man, wie man sich von der Existenz des Einhorns zu überzeugen hat? Wie hat man die Methode gelernt zu bestimmen, ob etwas existiere oder nicht?

477. »So muß man also wissen, daß die Gegenstände existieren, deren Namen man durch eine hinweisende Erklärung einem Kind beibringt.« – Warum muß man’s wissen? Ist es nicht genug, daß Erfahrung später nicht das Gegenteil erweise?

Warum soll denn das Sprachspiel auf einem Wissen ruhen?

7.4.

478. Glaubt das Kind, daß es Milch gibt? Oder weiß es, daß es Milch gibt? Weiß die Katze, daß es eine Maus gibt?

479. Sollen wir sagen, daß die Erkenntnis, es gebe physikalische Gegenstände, eine sehr frühe oder eine sehr späte sei?

8.4.

480. Das Kind, das das Wort »Baum« gebrauchen lernt. Man steht mit ihm vor einem Baum und sagt »Schöner Baum!«. Daß kein Zweifel an der Existenz des Baums in das Sprachspiel eintritt, ist klar. Aber kann man sagen, das Kind wisse: daß es einen Baum gibt? Es ist allerdings wahr, daß »etwas wissen« nicht in sich beschließt: daran denken – aber muß nicht, wer etwas weiß, eines Zweifels fähig sein? Und zweifeln heißt denken.

481. Wenn man Moore sagen hört »Ich weiß, daß das ein Baum ist«, so versteht man plötzlich die, welche finden, das sei gar nicht ausgemacht.

Die Sache kommt einem auf einmal unklar und verschwommen vor. Es ist, als hätte Moore das falsche Licht drauf fallen lassen.

Es ist, als sähe ich ein Gemälde (vielleicht eine Bühnenmalerei) und erkenne von weitem sofort und ohne den geringsten Zweifel, was es darstellt. Nun trete ich aber näher: und da sehe ich eine Menge Flecke verschiedener Farben, die alle höchst vieldeutig sind und durchaus keine Gewißheit geben.

482. Es ist, als ob das »Ich weiß« keine metaphysische Betonung vertrüge.

483. Richtige Verwendung des Wortes »Ich weiß«.

Ein Schwachsichtiger fragt mich: »Glaubst du, daß das, was wir dort sehen, ein Baum ist?« – Ich antworte: »Ich weiß es; ich sehe ihn genau und kenne ihn gut.« A: »Ist N. N. zu Hause?« – Ich: »Ich glaube ja«. – A: »War er gestern zu Hause?« – Ich: »Gestern war er zu Hause, das weiß ich, ich habe mit ihm gesprochen.« – A: »Weißt du, oder glaubst du nur, daß dieser Teil des Hauses neu dazugebaut ist?« – Ich: »Ich weiß es; ich habe mich beim ... erkundigt.«

484. Hier sagt man also »Ich weiß« und gibt den Grund des Wissens an, oder man kann ihn doch angeben.

485. Man kann sich auch einen Fall denken, in welchem Einer eine Liste von Sätzen durchgeht und sich dabei immer wieder fragt »Weiß ich das, oder glaube ich es nur?« Er will die Sicherheit jedes einzelnen Satzes überprüfen. Es könnte sich um eine Zeugenaussage vor Gericht handeln.

9.4.

486. »Weißt du, oder glaubst du nur, daß du L. W. heißt?« Ist das eine sinnvolle Frage? Weißt du, oder glaubst du nur, daß, was du hier hinschreibst, deutsche Worte sind? Glaubst du nur, daß »glauben« diese Bedeutung hat? Welche Bedeutung?

487. Was ist der Beweis dafür, daß ich etwas weiß? Doch gewiß nicht, daß ich sage, ich wisse es.

488. Wenn also Autoren aufzählen, was sie alles wissen, so beweist das also gar nichts. Daß man also etwas über physikalische Dinge wissen kann, kann nicht durch die Beteuerungen derer erwiesen werden, die es zu wissen glauben.

489. Denn was antwortet man dem, der sagt: »Ich glaube, es kommt dir nur so vor, als wüßtest du’s«?

490. Wenn ich nun frage »Weiß ich, oder glaube ich nur, daß ich ... heiße?«, so nützt es nichts, daß ich in mich hineinsehe.

Ich könnte aber sagen: Nicht nur zweifle ich nie im mindesten, daß ich so heiße, sondern ich könnte keines Urteils sicher sein, wenn sich darüber ein Zweifel erhöbe.

10.4.

491. »Weiß ich, oder glaub ich nur, daß ich L. W. heiße?« – Ja, wenn die Frage hieße »Bin ich sicher, oder vermute ich nur, daß ich ...?«, da könnte man sich auf meine Antwort verlassen. –

492. »Weiß ich, oder glaube ich nur, ...?« könnte man auch so ausdrücken: Wie, wenn es sich herauszustellen schiene, daß, was mir bisher dem Zweifel nicht zugänglich schien, eine falsche Annahme war? Würde ich da reagieren, wie wenn ein Glauben sich als falsch erwiesen hat? Oder würde das den Boden meines Urteilens auszuschlagen scheinen? – Aber ich will hier natürlich nicht eine Prophezeiung.

Würde ich einfach sagen »Das hätte ich nie gedacht!« – oder aber mich weigern (müssen), mein Urteil zu revidieren, weil nämlich eine solche »Revision« einer Vernichtung aller Maßstäbe gleichkäme?

493. Ist es also so, daß ich gewisse Autoritäten anerkennen muß, um überhaupt urteilen zu können?

494. »An diesem Satz kann ich nicht zweifeln, ohne alles Urteilen aufzugeben.«

Aber was für ein Satz ist das? (Er erinnert an das, was Frege über das Gesetz der Identität gesagt hat.5) Er ist sicher kein Erfahrungssatz. Er gehört nicht in die Psychologie. Er hat eher den Charakter einer Regel.

495. Man könnte Einem, der gegen die zweifellosen Sätze Einwände machen wollte, einfach sagen »Ach Unsinn!«. Also nicht ihm antworten, sondern ihn zurechtweisen.

496. Es ist hier ein ähnlicher Fall wie wenn man zeigt, daß es keinen Sinn hat zu sagen, ein Spiel sei immer falsch gespielt worden.

497. Wenn Einer Zweifel in mir immer aufrufen wollte und spräche: da täuscht dich dein Gedächtnis, dort bist du betrogen worden, dort wieder hast du dich nicht gründlich genug überzeugt, etc., und ich ließe mich nicht erschüttern und bliebe bei meiner Gewißheit – dann kann das schon darum nicht falsch sein, weil es erst ein Spiel definiert.

11.4.

498. Das Seltsame ist, daß, wenn schon ich es ganz richtig finde, daß Einer den Versuch, ihn mit Zweifeln in dem Fundamente irrezumachen, mit dem Wort »Unsinn!« abweist, ich es für unrichtig halte, wenn er sich verteidigen will, wobei er etwa die Worte »Ich weiß« gebraucht.

499. Ich könnte auch so sagen: Das »Gesetz der Induktion« läßt sich ebensowenig begründen als gewisse partikulare Sätze, das Erfahrungsmaterial betreffend.

500. Aber es schiene mir auch Unsinn zu sein, zu sagen »Ich weiß, daß das Gesetz der Induktion wahr ist«.

Denk dir so eine Aussage in einem Gerichtshof gemacht. Richtiger wäre noch »Ich glaube an das Gesetz ...«, wo »glauben« nichts mit vermuten zu tun hat.

501. Komme ich nicht immer mehr und mehr dahin zu sagen, daß die Logik sich am Schluß nicht beschreiben lasse? Du mußt die Praxis der Sprache ansehen, dann siehst du sie.

502. Könnte man sagen »Ich weiß mit geschlossenen Augen die Lage meiner Hände«, wenn meine Angabe immer oder meistens dem Zeugnis der Andern widerspräche?

503. Ich schaue einen Gegenstand an und sage »Das ist ein Baum« oder »Ich weiß, daß das ...« – Gehe ich nun in die Nähe und es stellt sich anders heraus, so kann ich sagen

»Es war doch kein Baum«; oder ich sage »Es war ein Baum, ist es aber jetzt nicht mehr«. Wenn nun aber alle Andern mit mir in Widerspruch wären und sagten, es wäre nie ein Baum gewesen, und wenn alle andern Zeugnisse gegen mich sprächen – was nützte es mir dann noch, auf meinem »Ich weiß ...« zu beharren?

504. Ob ich etwas weiß, hängt davon ab, ob die Evidenz mir recht gibt oder mir widerspricht. Denn zu sagen, man wisse, daß man Schmerzen habe, heißt nichts.

505. Es ist immer von Gnaden der Natur, wenn man etwas weiß.

506. »Wenn mich mein Gedächtnis hier täuscht, so kann es mich überall täuschen.« Wenn ich das nicht weiß, wie weiß ich dann, ob meine Worte das bedeuten, was ich glaube, daß sie bedeuten?

507. »Wenn mich dies täuscht, was heißt »täuschen« dann noch?«

508. Worauf kann ich mich verlassen?

509. Ich will eigentlich sagen, daß ein Sprachspiel nur möglich ist, wenn man sich auf etwas verläßt. (Ich habe nicht gesagt »auf etwas verlassen kann«.)

510. Wenn ich sage »Natürlich weiß ich, daß das ein Handtuch ist«, so mache ich eine Äußerung. Ich denke nicht an eine Verifikation. Es ist für mich eine unmittelbare Äußerung.

Ich denke nicht an Vergangenheit oder Zukunft. (Und so geht es natürlich auch Moore.) Ganz so wie ein unmittelbares Zugreifen; wie ich ohne zu zweifeln nach dem Handtuch greife.

511. Aber dieses unmittelbare Zugreifen entspricht doch einer Sicherheit, keinem Wissen.

Aber greif ich so nicht auch zum Namen eines Dinges?

12.4.

512. Die Frage ist doch die: »Wie, wenn du auch in diesen fundamentalsten Dingen deine Meinung ändern müßtest?« Und darauf scheint mir die Antwort zu sein: »Du mußt sie nicht ändern. Gerade darin liegt es, daß sie ›fundamental‹ sind.«

513. Wie, wenn etwas wirklich Unerhörtes geschähe? Wenn ich etwa sähe, wie Häuser sich nach und nach ohne offenbare Ursache in Dampf verwandelten; wenn das Vieh auf der Wiese auf den Köpfen stünde, lachte und verständliche Worte redete; wenn Bäume sich nach und nach in Menschen und Menschen in Bäume verwandelten. Hatte ich nun recht, als ich vor allen diesen Geschehnissen sagte »Ich weiß, daß das ein Haus ist« etc., oder einfach »Das ist ein Haus« etc.?

514. Diese Aussage erschien mir als fundamental; wenn das falsch ist, was ist noch »wahr« und »falsch«?!

515. Wenn mein Name nicht L. W. ist, wie kann ich mich darauf verlassen, was unter »wahr« und »falsch« zu verstehen ist?

516. Wenn etwas geschähe (wenn z. B. jemand mir etwas sagte), was dazu angetan wäre, mir Zweifel daran zu erwecken, so gäbe es gewiß auch etwas, was die Gründe solcher Zweifel selbst zweifelhaft erscheinen ließe, und ich könnte mich also dafür entscheiden, meinen alten Glauben beizubehalten.

517. Wäre es aber nicht möglich, daß etwas geschähe, was mich ganz aus dem Geleise würfe? Evidenz, die mir das Sicherste unannehmbar machte? Oder doch bewirkte, daß ich meine fundamentalsten Urteile umstoße? (Ob mit Recht oder mit Unrecht, ist hier ganz gleich.)

518. Könnte ich mir denken, daß ich dies in einem andern Menschen beobachtete?

519. Wenn du einen Befehl befolgst »Bring mir ein Buch«, so ist es allerdings möglich, daß du untersuchen mußt, ob, was du dort siehst, wirklich ein Buch ist, aber du weißt dann doch, was man unter »Buch« versteht; und weißt du das nicht, so kannst du etwa nachschlagen, – aber dann mußt du doch wissen, was ein anderes Wort bedeutet. Und, daß ein Wort das und das bedeutet, so und so gebraucht wird, ist wieder eine Erfahrungstatsache wie die, daß jener Gegenstand ein Buch ist.

Um also einen Befehl befolgen zu können, mußt du über eine Erfahrungstatsache außer Zweifel sein. Ja, der Zweifel beruht nur auf dem, was außer Zweifel ist.

Da aber ein Sprachspiel etwas ist, was in wiederholten Spielhandlungen in der Zeit besteht, so scheint es, man könne in keinem einzelnen Falle sagen, das und das müsse außer Zweifel stehen, wenn es ein Sprachspiel geben solle, wohl aber, daß, in der Regel, irgendwelche Erfahrungsurteile außer Zweifel stehen müssen.

13.4.

520. Moore hat ein gutes Recht zu sagen, er wisse, daß vor ihm ein Baum steht. Natürlich kann er sich darin irren. (Denn es ist ja hier nicht wie mit der Äußerung »Ich glaube, dort steht ein Baum«.) Aber, ob er in diesem Fall recht hat oder sich irrt, ist philosophisch nicht von Belang. Wenn Moore die bekämpft, die sagen, so etwas könne man nicht eigentlich wissen, so kann er es nicht tun, indem er versichert: Er wisse das und das. Denn das braucht man ihm nicht zu glauben. Hätten seine Gegner behauptet, man könne das und das nicht glauben, so hätte er ihnen antworten können »Ich glaube es«.

14.4.

521. Moores Fehler liegt darin, auf die Behauptung, man könne das nicht wissen, zu entgegnen »Ich weiß es«.

522. Wir sagen: Wenn das Kind die Sprache – und also ihre Anwendung – beherrscht, muß es die Bedeutungen der Worte wissen. Es muß z. B. einem weißen, schwarzen, roten, blauen Dinge seinen Farbnamen, in der Abwesenheit jedes Zweifels, beilegen können.

523. Ja, hier vermißt auch niemand den Zweifel; wundert sich niemand, daß wir die Bedeutung der Worte nicht nur vermuten.

15.4.

524. Ist es für unsre Sprachspiele (»Befehlen und Gehorchen«, z. B.) wesentlich, daß ein Zweifel an gewissen Stellen nicht eintritt, oder genügt es, wenn das Gefühl der Sicherheit besteht, wenn auch mit einem leichten Anhauch des Zweifels?

Genügt es also, wenn ich zwar nicht wie jetzt, ohne weiteres, ohne die Dazwischenkunft irgendeines Zweifels, etwas »schwarz«, »grün«, »rot« nenne – aber statt dessen doch sage »Ich bin sicher, daß das rot ist«, wie man etwa sagt »Ich bin sicher, daß er heute kommen wird« (also mit dem »Gefühl der Sicherheit«)?

Das begleitende Gefühl ist uns natürlich gleichgültig, und ebensowenig brauchen wir uns um die Worte »Ich bin sicher, daß« bekümmern. – Wichtig ist, ob ein Unterschied in der Praxis der Sprache damit zusammengeht.

Man könnte fragen, ob er überall dort, wo wir, z. B., mit Sicherheit eine Meldung machen (bei einem Versuch z. B. schauen wir in eine Röhre und melden die Farbe, die wir durch sie beobachten), ob er bei dieser Gelegenheit sagt »Ich bin sicher«. Tut er dies, so wird man zuerst geneigt sein, seine Angabe zu überprüfen. Zeigt sich aber, daß er ganz zuverlässig ist, so wird man erklären, seine Redeweise sei nur eine Verschrobenheit, die die Sache nicht berührt. Man könnte z. B. annehmen, daß er skeptische Philosophen gelesen habe, überzeugt worden sei, man könne nichts wissen, und darum diese Redeweise angenommen habe. Wenn wir erst einmal an sie gewöhnt sind, so tut sie der Praxis keinen Eintrag.

525. Wie sieht also der Fall aus, wo Einer wirklich zu den Farbnamen, z. B., eine andere Beziehung hat als wir? Wo nämlich ein leiser Zweifel, oder die Möglichkeit eines Zweifels, in ihrem Gebrauch bestehenbleibt.

16.4.

526. Wer beim Anblick eines englischen Postkastens sagte »Ich bin sicher, er ist rot«, den müßten wir für farbenblind halten oder glauben, er beherrschte das Deutsche nicht und wüßte den richtigen Farbnamen in einer andern Sprache.

Wäre keines von beiden der Fall, so würden wir ihn nicht recht verstehen.

527. Ein Deutscher, der diese Farbe »rot« nennt, ist nicht »sicher, sie heiße im Deutschen »rot««. Das Kind, welches die Verwendung des Wortes beherrscht, ist nicht »sicher, diese Farbe heiße in seiner Sprache so«. Man kann auch nicht von ihm sagen, es lerne, wenn es sprechen lernt, daß die Farbe auf deutsch so heißt, oder auch: es wisse dies, wenn es den Gebrauch des Worts erlernt hat.

528. Und dennoch: wenn jemand mich fragte, wie die Farbe auf deutsch heiße, und ich sag es ihm, und er fragt mich »Bist du sicher?«, so werde ich antworten: »Ich weiß es; Deutsch ist meine Muttersprache.«

529. Auch wird z. B. ein Kind vom andern sagen, oder von sich selbst, es wisse schon, wie das und das heißt.

530. Ich kann jemandem sagen »Diese Farbe heißt auf deutsch »rot«« (wenn ich ihn z.B. im Deutschen unterrichte). Ich würde in diesem Falle nicht sagen »Ich weiß, daß diese Farbe ...« – das würde ich etwa sagen, wenn ich es soeben selbst gelernt hätte, oder im Gegensatz zu einer andern Farbe, deren deutschen Namen ich nicht kenne.

531. Ist es nun aber nicht richtig, meinen gegenwärtigen Zustand so zu beschreiben: ich wisse, wie diese Farbe auf deutsch heißt? Und wenn das richtig ist, warum soll ich dann nicht meinen Zustand mit den entsprechenden Worten »Ich weiß etc.« beschreiben?

532. Moore also, wenn er, vor dem Baum sitzend, sagte »Ich weiß, daß das ein ...«, sprach einfach die Wahrheit über seinen damaligen Zustand aus.

[Ich philosophiere jetzt wie eine alte Frau, die fortwährend etwas verlegt und es wieder suchen muß; einmal die Brille, einmal den Schlüsselbund.]

533. Nun, wenn es richtig war, außer dem Zusammenhange seinen Zustand zu beschreiben, dann war es ebenso richtig, außer dem Zusammenhange die Worte »Das ist ein Baum« auszusprechen.

534. Ist es aber falsch zu sagen: »Das Kind, welches ein Sprachspiel beherrscht, muß Gewisses wissen«? Wenn man statt dessen sagte »muß Gewisses können«, so wäre das ein Pleonasmus, und doch ist es gerade das, welches ich auf den ersten Satz erwidern möchte. – Aber: »Das Kind erwirbt sich ein naturgeschichtliches Wissen.« Das setzt voraus, daß das Kind fragen könne, wie die und die Pflanze heißt.

535. Das Kind weiß, wie etwas heißt, wenn es auf die Frage »Wie heißt das?« richtig antworten kann.

536. Das Kind, welches anfängt, die Sprache zu lernen, hat natürlich den Begriff des Heißens noch gar nicht.

537. Kann man von Einem, der diesen Begriff nicht besitzt, sagen, er wisse, wie das und das heiße?

538. Das Kind, möchte ich sagen, lernt so und so reagieren; und wenn es das nun tut, so weiß es damit noch nichts. Das Wissen beginnt erst auf einer späteren Stufe.

539. Ist es mit dem Wissen wie mit dem Sammeln?

540. Ein Hund könnte lernen, auf den Ruf »N« zu N zu laufen und auf den Ruf »M« zu M, – wüßte er aber darum, wie die Leute heißen?

541. »Er weiß erst, wie Dieser heißt, noch nicht, wie Jener heißt.« Das kann man strenggenommen nicht von Einem sagen, der den Begriff davon noch gar nicht hat, daß Menschen Namen haben.

542. »Ich kann diese Blume nicht beschreiben, wenn ich nicht weiß, daß diese Farbe »rot« heißt.«

543. Das Kind kann die Namen von Personen gebrauchen, lang ehe es in irgendeiner Form sagen kann: »Ich weiß, wie Dieser heißt; ich weiß noch nicht, wie Jener heißt.«

544. Ich kann freilich wahrheitsgemäß sagen »Ich weiß, wie diese Farbe auf deutsch heißt«, indem ich z. B. auf die Farbe des frischen Blutes deute. Aber – – –

17.4.

545. »Das Kind weiß, welche Farbe das Wort »blau« bedeutet.« Was es da weiß, ist gar nicht so einfach.

546. »Ich weiß, wie diese Farbe heißt«, würde ich z. B. sagen, wenn es sich um Farbtöne handelt, deren Namen nicht jeder kennt.

547. Man kann einem Kind, das grade erst anfängt zu sprechen und die Wörter »rot« und »blau« gebrauchen kann, noch nicht sagen: »Nicht wahr, du weißt, wie diese Farbe heißt.«

548. Das Kind muß die Verwendung von Farbnamen lernen, ehe es nach dem Namen einer Farbe fragen kann.

549. Es wäre falsch zu sagen, ich könne nur dann sagen »Ich weiß, daß dort ein Sessel steht«, wenn ein Sessel dort steht. Freilich ist es nur dann wahr, aber ich habe ein Recht, es zu sagen, wenn ich sicher bin, es stehe einer dort, auch wenn ich unrecht habe.

[Die Prätensionen sind eine Hypothek, die die Denkkraft des Philosophen belastet.]

18.4.

550. Wenn Einer etwas glaubt, so muß man nicht immer die Frage beantworten können, »warum er es glaubt«; weiß er aber etwas, so muß die Frage »Wie weiß er es?« beantwortet werden können.

551. Und beantwortet man diese Frage, so muß es nach allgemein anerkannten Grundsätzen geschehen. So läßt sich so etwas wissen.

552. Weiß ich, daß ich jetzt in einem Sessel sitze? – Weiß ich es nicht?! Es wird niemand, unter den gegenwärtigen Umständen, sagen, ich wisse das, aber ebensowenig z. B., ich sei bei Bewußtsein. Man wird das auch gewöhnlich nicht von den Passanten auf der Straße sagen.

Aber wenn man’s nun auch nicht sagt, ist es darum nicht so??

553. Es ist seltsam: Wenn ich, ohne besondern Anlaß, sage »Ich weiß«, z. B. »Ich weiß, daß ich jetzt auf einem Sessel sitze«, so erscheint mir die Aussage ungerechtfertigt und anmaßend. Mache ich aber die gleiche Aussage, wo ein Bedürfnis nach ihr vorhanden ist, so scheint sie mir, obgleich ich ihrer Wahrheit nicht um ein Haar sicherer bin, als vollkommen gerechtfertigt und alltäglich.

554. In ihrem Sprachspiel ist sie nicht anmaßend. Sie steht dort nicht höher als eben das menschliche Sprachspiel. Denn da hat sie ihre eingeschränkte Anwendung.

Wie ich aber den Satz außerhalb seines Zusammenhangs sage, so erscheint er in einem falschen Lichte. Denn dann ist es, als wollte ich versichern, daß es Dinge gibt, die ich weiß. Worüber Gott selber mir nichts erzählen könnte.

19.4.

555. Wir sagen, wir wissen, daß das Wasser kocht, wenn es ans Feuer gestellt wird. Wie wissen wir’s? Erfahrung hat es uns gelehrt. – Ich sage »Ich weiß, daß ich heute früh gefrühstückt habe«; Erfahrung hat mich das nicht gelehrt. Man sagt auch »Ich weiß, daß er Schmerzen hat«. Jedesmal ist das Sprachspiel anders, jedesmal sind wir sicher, und jedesmal wird man mit uns übereinstimmen, daß wir in der Lage sind zu wissen. Daher finden sich ja auch die Lehrsätze der Physik in Lehrbüchern für jedermann.

Wenn jemand sagt, er wisse etwas, so muß es etwas sein, was er, dem allgemeinen Urteil nach, in der Lage ist zu wissen.

556. Man sagt nicht: Er ist in der Lage, das zu glauben.

Wohl aber: »Es ist vernünftig, in dieser Lage das anzunehmen« (oder »zu glauben«).

557. Ein Kriegsgericht mag zu beurteilen haben, ob es in der und der Lage vernünftig war, das und das mit Sicherheit (wenn auch fälschlich) anzunehmen.

558. Wir sagen, wir wissen, daß das Wasser unter den und den Umständen kocht und nicht gefriert. Ist es denkbar, daß wir uns darin irren? Würde nicht ein Irrtum alles Urteil mit sich reißen? Noch mehr: Was könnte aufrecht stehen, wenn das fiele? Könnte Einer etwas finden, und wir nun sagen: »Es war ein Irrtum«?

Was immer in Zukunft geschehen mag, wie immer sich Wasser in Zukunft verhalten mag, – wir wissen, daß es sich bis jetzt in unzähligen Fällen so verhalten hat.

Diese Tatsache ist in das Fundament unseres Sprachspiels eingegossen.

559. Du mußt bedenken, daß das Sprachspiel sozusagen etwas Unvorhersehbares ist. Ich meine: Es ist nicht begründet. Nicht vernünftig (oder unvernünftig).

Es steht da – wie unser Leben.

560. Und der Begriff des Wissens ist mit dem des Sprachspiels verkoppelt.

561. »Ich weiß« und »Du kannst dich drauf verlassen«. Aber man kann nicht immer für das erste das zweite setzen.

562. Immerhin ist es wichtig, sich eine Sprache vorzustellen, in der es unsern Begriff »wissen« nicht gibt.

563. Man sagt »Ich weiß, daß er Schmerzen hat«, obwohl man keinen überzeugenden Grund dafür angeben kann. – Ist das dasselbe wie »Ich bin sicher, daß er ...«? – Nein.

»Ich bin sicher« gibt dir die subjektive Sicherheit. »Ich weiß« heißt, daß zwischen mir, der es weiß, und dem, der’s nicht weiß, ein Unterschied des Verständnisses liegt. (Etwa gegründet auf einem Unterschied des Grads der Erfahrung.)

Sage ich in der Mathematik »Ich weiß«, so ist die Rechtfertigung dafür ein Beweis.

Wenn man in diesen beiden Fällen statt »Ich weiß« »Du kannst dich drauf verlassen« sagt, so ist die Begründung jedesmal von andrer Art.

Und die Begründung hat ein Ende.

564. Ein Sprachspiel: Bringen der Bausteine, Melden der Anzahl vorhandener Steine. Manchmal wird die Anzahl geschätzt, manchmal durch Zählen festgestellt. Es kommt dann die Frage vor »Glaubst du, es sind so viele Steine?« und. die Antwort »Ich weiß es, ich hab sie gerade gezählt«. Aber hier könnte das »Ich weiß« wegbleiben. Wenn es aber mehrere Arten der sichern Konstatierung gibt, wie zählen, wägen, messen des Stoßes etc., dann kann statt der Angabe, wie man weiß, die Aussage »Ich weiß« treten.

565. Aber hier ist von einem »Wissen«, daß dies »Platte«, dies »Säule« etc. heißt, noch gar nicht die Rede.

566. Ja, das Kind, das mein Sprachspiel (No. 2)6 lernt, lernt nicht sagen »Ich weiß, daß dies »Platte« heißt«.

Es gibt nun freilich ein Sprachspiel, in welchem das Kind diesen Satz gebraucht. Dies setzt voraus, daß das Kind, sowie ihm der Name gegeben ist, ihn auch schon gebrauchen kann. Wie wenn mir jemand sagte »Diese Farbe heißt ›...‹« – Wenn also das Kind ein Sprachspiel mit Bausteinen gelernt hat, so kann man ihm nun etwa sagen »Und dieser Stein heißt ›...‹« und man hat dadurch das ursprüngliche Sprachspiel erweitert.

567. Und ist nun mein Wissen, daß ich L. W. heiße, von der gleichen Art wie das, daß Wasser bei 100°C siedet? Diese Frage ist natürlich falsch gestellt.

568. Wenn einer meiner Namen nur ganz selten gebraucht würde, so könnte es sein, daß ich ihn nicht wüßte. Daß ich meinen Namen weiß, ist nur darum selbstverständlich, weil ich ihn, wie jeder Andre, unzählige Male verwende.

569. Ein ##innres Erlebnis kann es mir nicht zeigen, daß ich etwas weiß.

Wenn ich daher trotzdem sage »Ich weiß, daß ich ... heiße« und es doch offenbar nicht ein Erfahrungssatz ist, – – –

570. »Ich weiß, daß ich so heiße; bei uns weiß es jeder Erwachsene, wie er heißt.«

571. »Ich heiße ..., du kannst dich drauf verlassen. Wenn es sich als falsch erweist, so brauchst du mir in Zukunft nie mehr zu glauben.«

572. Ich scheine doch zu wissen, daß ich mich, in meinem eigenen Namen z. B., nicht irren kann! Das drückt sich in den Worten aus: »Wenn das falsch ist, dann bin ich verrückt.« Nun gut, aber das sind Worte; aber welchen Einfluß hat es auf die Anwendung der Sprache?

573. Dadurch, daß ich durch nichts vom Gegenteil zu überzeugen bin?

574. Die Frage ist: Welche Art Satz ist das: »Ich weiß, daß ich mich darin nicht irren kann«, oder auch: »Ich kann mich darin nicht irren«?

Das »Ich weiß« scheint hier alle Gründe abzuschneiden. Ich weiß es eben. Aber wenn hier überhaupt von Irrtum die Rede sein kann, dann muß sich prüfen lassen, ob ich’s weiß.

575. Das Wort »Ich weiß« könnte also den Zweck haben anzuzeigen, wo ich zuverlässig bin, wobei aber die Brauchbarkeit dieses Zeichens aus der Erfahrung hervorgehen muß.

576. Man könnte sagen »Wie weiß ich, daß ich mich in meinem Namen nicht irre?« – und wenn darauf geantwortet würde »Weil ich ihn so oft verwendet habe«, so könnte man weiterfragen: »Wie weiß ich, daß ich mich darin nicht irre?« Und hier kann das »Wie weiß ich« keine Bedeutung mehr haben.

577. »Ich weiß meinen Namen mit voller Bestimmtheit.«

Ich würde mich weigern, irgendein Argument in Betracht zu ziehen, welches das Gegenteil zeigen wollte!

Und was heißt »Ich würde mich weigern«? Ist es der Ausdruck einer Absicht?

578. Aber könnte nicht eine höhere Autorität mir versichern, daß ich nicht die Wahrheit weiß? So daß ich sagen müßte »Lehre mich!« Aber dann müßten mir die Augen aufgetan werden.

579. Es gehört zu dem Sprachspiel mit den Personennamen, daß jeder seinen Namen mit der größten Sicherheit weiß.

20.4.

580. Es könnte doch sein, daß, wenn immer ich sagte »Ich weiß es«, es sich als falsch herausstellte. (Aufzeigen.)

581. Ich könnte mir aber vielleicht dennoch nicht helfen und würde weiter versichern »Ich weiß ...«.

Aber wie hat denn das Kind den Ausdruck gelernt?

582. »Ich weiß es« kann heißen: Es ist mir schon bekannt – aber auch: Es ist gewiß so.

583. »Ich weiß, daß das auf ... ›...‹ heißt.« – Wie weißt du das? – »Ich habe ... gelernt.« Könnte ich hier statt »Ich weiß, daß etc.« setzen »Auf ... heißt dies ›...‹«?

584. Wäre es möglich, das Verbum »wissen« nur in der Frage »Wie weißt du das?« zu benützen, die auf eine einfache Behauptung folgt? – Statt »Das weiß ich schon« sagt man »Das ist mir bekannt«; und dies folgt nur auf die Mitteilung der Tatsache. Aber7 was sagt man statt »Ich weiß, was das ist«?

585. Aber sagt nicht »Ich weiß, daß das ein Baum ist« etwas anderes als »Das ist ein Baum«?

586. Statt »Ich weiß, was das ist« könnte man sagen »Ich kann sagen, was das ist«. Und wenn man diese Ausdrucksweise annähme, was würde dann aus »Ich weiß, daß das ... ist«?

587. Zurück zur Frage, ob »Ich weiß, daß das ein ... ist« etwas andres sagt als »Das ist ein ...«. – Im ersten Satz wird eine Person erwähnt, im zweiten nicht. Aber das zeigt nicht, daß sie verschiedenen Sinn haben. Man ersetzt jedenfalls oft die erste Form durch die zweite und gibt dieser dann oft eine besondere Intonation. Denn man spricht anders, wenn man eine unwidersprochene Feststellung macht, und wenn man sie gegen einen Widerspruch aufrechterhält.

588. Aber sage ich nicht durch die Worte »Ich weiß, daß ...«, daß ich in einem bestimmten Zustand mich befinde, während das die bloße Behauptung »Das ist ein ...« nicht sagt? Und doch antwortet man auf so eine Behauptung oft »Wie weißt du das?« –

»Aber doch nur, weil die Tatsache, daß ich dies behaupte, zu erkennen gibt, ich glaube es zu wissen.« – Man könnte das so ausdrücken: In einem zoologischen Garten könnte die Aufschrift stehen »Das ist ein Zebra«; aber doch nicht »Ich weiß, daß das ein Zebra ist«.

»Ich weiß« hat nur Sinn, wenn eine Person es äußert. Dann aber ist es gleichgültig, ob die Äußerung ist »Ich weiß ...« oder »Das ist ...«.

589. Wie lernt denn Einer seinen Zustand des Wissens erkennen?

590. Von dem Erkennen eines Zustandes könnte man eher noch reden, wo es heißt »Ich weiß, was das ist«. Man kann sich hier davon überzeugen, daß man dieses Wissen wirklich besitzt.

591. »Ich weiß, was das für ein Baum ist. – Es ist eine Kastanie.«

»Ich weiß, was das für ein Baum ist. Ich weiß, daß es eine Kastanie ist.«

Die erste Aussage klingt natürlicher als die zweite. Man wird nur dann zum zweitenmal »Ich weiß« sagen, wenn man die Gewißheit besonders betonen will; etwa um einem Widerspruch zuvorzukommen. Das erste »Ich weiß« heißt ungefähr: Ich kann sagen.

In einem andern Fall aber könnte man mit der Konstatierung »Das ist ein ...« beginnen, und dann, auf einen Widerspruch, entgegnen: »Ich weiß, was das für ein Baum ist« und damit die Sicherheit betonen.

592. »Ich kann sagen, was das für ein ..., und zwar mit Sicherheit.«

593. Auch wenn man »Ich weiß, daß es so ist« durch »Es ist so« ersetzen kann, kann man doch nicht die Negation des einen durch die Negation des andern ersetzen.

Mit »Ich weiß nicht, ...« tritt ein neues Element in die Sprachspiele ein.

594. »L. W.« ist mein Name. Und wenn es jemand bestritte, würde ich sofort unzählige Verbindungen schlagen, die ihn sichern.

595. »Aber ich kann mir doch einen Menschen vorstellen, der alle diese Verbindungen macht, wovon keine mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Warum soll ich mich nicht in einem ähnlichen Falle befinden?«

Wenn ich mir jenen Menschen vorstelle, so stelle ich mir auch eine Realität vor, eine Welt, die ihn umgibt; und ihn, wie er dieser Welt zuwider denkt (und spricht).

596. Wenn Einer mir mitteilt, sein Name sei N. N., so hat es Sinn für mich, ihn zu fragen »Kannst du dich darin irren?« Das ist eine regelrechte Frage im Sprachspiel. Und es hat darauf die Antwort Ja und Nein Sinn. – Nun ist freilich auch diese Antwort nicht unfehlbar, d. h. sie kann sich einmal als falsch erweisen, aber das nimmt der Frage »Kannst du dich ...« und der Antwort »Nein« nicht ihren Sinn.

597. Die Antwort auf die Frage »Kannst du dich darin irren« gibt der Aussage ein bestimmtes Gewicht. Die Antwort kann auch sein: »Ich glaube nicht.«

598. Aber könnte man nicht auf die Frage »Kannst du ...« antworten: »Ich will dir den Fall beschreiben, und du kannst dann selbst beurteilen, ob ich mich irren kann«?

Z. B., wenn es sich um den Namen der Person handelt, könnte der Fall so stehen, daß die Person diesen Namen nie gebraucht hat, sich aber entsinnt, ihn auf einem Dokument gelesen zu haben, – und anderseits könnte die Antwort sein: »Ich habe diesen Namen mein ganzes Leben lang geführt, bin von allen Menschen so genannt worden.« Wenn das nicht der Antwort »Ich kann mich darin nicht irren« gleichkommt, so hat sie überhaupt keinen Sinn. Und ganz offenbar wird doch damit auf einen sehr wichtigen Unterschied gedeutet.

599. Man könnte z. B. die Sicherheit des Satzes, daß Wasser bei ca. 100°C kocht, beschreiben. Es ist das z. B. nicht ein Satz, den ich einmal gehört habe wie etwa den und jenen, die ich nennen könnte. Ich habe das Experiment selber in der Schule gemacht. Der Satz ist ein sehr elementarer unserer Lehrbücher, denen in solchen Dingen zu trauen ist, weil ... – Man kann nun allem dem Beispiele entgegenhalten, die zeigen, daß Menschen dies und jenes für gewiß gehalten haben, was sich später, unsrer Meinung nach, für falsch erwiesen hat. Aber dieses Argument ist wertlos.8 Zu sagen: wir können am Ende nur solche Gründe anführen, die wir für Gründe halten, sagt gar nichts.

Ich glaube, es liegt hier ein Mißverständnis des Wesens unserer Sprachspiele zugrunde.

600. Was für einen Grund habe ich, Lehrbüchern der Experimentalphysik zu trauen?

Ich habe keinen Grund, ihnen nicht zu trauen. Und ich traue ihnen. Ich weiß, wie solche Bücher entstehen – oder vielmehr, ich glaube es zu wissen. Ich habe einige Evidenz, aber sie reicht nicht weit und ist von sehr zerstreuter Art. Ich habe Dinge gehört, gesehen, gelesen.

22.4.

601. Es ist immer die Gefahr, die Bedeutung durch Betrachtung des Ausdrucks und der Stimmung, in welcher man ihn gebraucht, erkennen zu wollen, statt immer an die Praxis zu denken. Darum sagt man sich den Ausdruck so oft vor, weil es ist, als müßte man in ihm und in dem Gefühl, das man hat, das Gesuchte sehen.

23.4.

602. Soll ich sagen »Ich glaube an die Physik«, oder »Ich weiß, daß die Physik wahr ist«?

603. Man lehrt mich, daß unter solchen Umständen dies geschieht. Man hat es herausgefunden, indem man den Versuch ein paarmal gemacht hat. Das alles würde uns freilich nichts beweisen, wenn nicht rund um diese Erfahrung andere lägen, die mit ihr ein System bilden. So hat man nicht nur Fallversuche gemacht, sondern auch Versuche über den Luftwiderstand, u. a. m.

Am Ende aber verlasse ich mich auf diese Erfahrungen oder auf die Berichte von ihnen, richte meine eigenen Handlungen ohne jede Skrupel danach. Aber hat sich dieses Vertrauen nicht auch bewährt? Soweit ich es beurteilen kann – ja.

604. In einem Gerichtssaal würde die Aussage eines Physikers, daß Wasser bei ca. 100° C koche, unbedingt als Wahrheit angenommen.

Wenn ich dieser Aussage nun mißtraute, was könnte ich tun, um sie zu entkräften? Selbst Versuche anstellen? Was würden die beweisen?

605. Aber wie, wenn die Aussage des Physikers Aberglaube wäre und es ebenso absurd wäre, daß das Urteil sich nach ihr, wie daß es sich nach einer Feuerprobe richtet?

606. Daß ein Andrer sich meiner Meinung nach geirrt hat, ist kein Grund anzunehmen, daß ich mich jetzt irre. – Aber ist es nicht ein Grund anzunehmen, daß ich mich irren könne? Es ist kein Grund zu irgendeiner Unsicherheit in meinem Urteil oder Handeln.

607. Der Richter könnte ja sagen »Das ist die Wahrheit – soweit ein Mensch sie erkennen kann«. – Aber was würde dieser Zusatz leisten? (»beyond all reasonable doubt«).

608. Ist es falsch, daß ich mich in meinem Handeln nach dem Satze der Physik richte? Soll ich sagen, ich habe keinen guten Grund dazu? Ist [es] nicht eben das, was wir einen »guten Grund« nennen?

609. Angenommen, wir träfen Leute, die das nicht als triftigen Grund betrachteten. Nun, wie stellen wir uns das vor? Sie befragen statt des Physikers etwa ein Orakel. (Und wir halten sie darum für primitiv.) Ist es falsch, daß sie ein Orakel befragen und sich nach ihm richten? – Wenn wir dies »falsch« nennen, gehen wir nicht schon von unserm Sprachspiel aus und bekämpfen das ihre?

610. Und haben wir recht oder unrecht darin, daß wir’s bekämpfen? Man wird freilich unser Vorgehen mit allerlei Schlagworten (slogans) aufstützen.

611. Wo sich wirklich zwei Prinzipien treffen, die sich nicht miteinander aussöhnen, da erklärt jeder den Andern für einen Narren und Ketzer.

612. Ich sagte, ich würde den Andern »bekämpfen«, – aber würde ich ihm denn nicht Gründe geben? Doch; aber wie weit reichen die? Am Ende der Gründe steht die Überredung. (Denke daran, was; geschieht, wenn Missionare die Eingeborenen bekehren.)

613. Wenn ich nun sage »Ich weiß, daß das Wasser im Kessel auf der Gasflamme nicht gefrieren, sondern kochen wird«, so scheine ich zu diesem »Ich weiß«, so berechtigt wie zu irgendeinem. »Wenn ich etwas weiß, so weiß ich das.« – Oder weiß ich, daß der Mensch mir gegenüber mein alter Freund Soundso ist, mit noch größerer Gewißheit? Und wie vergleicht sich das mit dem Satz, daß ich aus zwei Augen schaue und sie sehen werde, wenn ich in den Spiegel schaue? – Ich weiß nicht mit Sicherheit, was ich da antworten soll. – Aber es ist doch ein Unterschied zwischen den Fällen. Wenn das Wasser auf der Flamme gefriert, werde ich freilich im höchsten Maße erstaunt sein, aber einen mir noch unbekannten Einfluß annehmen und etwa Physikern die Sache zur Beurteilung überlassen. – Was aber könnte mich daran zweifeln machen, daß dieser Mensch N. N. ist, den ich seit Jahren kenne? Hier schiene ein Zweifel alles nach sich zu ziehen und in ein Chaos zu stürzen.

614. D. h.: Wenn mir von allen Seiten widersprochen würde: Jener heiße nicht, wie ich es immer wußte (und ich gebrauche hier »wußte« absichtlich), dann würde mir in diesem Fall die Grundlage alles Urteilens entzogen.

615. Heißt das nun: »Ich kann überhaupt nur urteilen, weil sich die Dinge so und so (gleichsam gutmütig) benehmen?«

616. Aber wäre es denn undenkbar, daß ich im Sattel bleibe, auch wenn die Tatsachen noch so sehr bockten?

617. Ich würde durch gewisse Ereignisse in eine Lage versetzt, in der ich das alte Spiel nicht mehr fortsetzen könnte. In der ich aus der Sicherheit des Spiels herausgerissen würde.

Ja, ist es nicht selbstverständlich, daß die Möglichkeit eines Sprachspiels durch gewisse Tatsachen bedingt ist?

618. Es schiene dann, als müßte das Sprachspiel die Tatsachen, die es ermöglichen, »zeigen«. (Aber so ist es nicht.)

Kann man denn sagen, daß nur eine gewisse Regelmäßigkeit in den Geschehnissen die Induktion möglich macht? Das »möglich« müßte natürlich »logisch möglich« sein.

619. Soll ich sagen: Wenn auch plötzlich eine Unregelmäßigkeit im Naturgeschehen einträte, so müßte das mich nicht aus dem Sattel heben. Ich könnte, nach wie vor, Schlüsse machen – aber ob man das nun »Induktion« nennen würde, ist eine andre Frage.

620. Unter bestimmten Umständen sagt man »Du kannst dich drauf verlassen«; und diese Versicherung kann in der Alltagssprache berechtigt oder unberechtigt sein, und sie kann auch dann als berechtigt gelten, wenn das nicht zutrifft, was vorhergesagt wurde. Es gibt ein Sprachspiel, worin die Versicherung verwendet wird.

24.4.

621. Wenn von Anatomie die Rede wäre, würde ich sagen: »Ich weiß, daß vom Gehirn 12 Nervenpaare ausgehen.« Ich habe diese Nerven nie gesehen, und auch ein Fachmann hat sie nur an wenigen Specimina beobachtet. – So wird eben hier das Wort »Ich weiß« richtig gebraucht.

622. Nun ist es aber auch richtig, »Ich weiß« in den Verbindungen zu gebrauchen, die Moore erwähnt, wenigstens unter bestimmten Umständen. (Was »I know that I am a human being« heißt, weiß ich allerdings nicht. Aber auch dem könnte man einen Sinn geben.)

Ich kann mir zu jeder dieser Sätze Umstände vorstellen, die ihn zum Zug in einem unserer Sprachspiele machen, wodurch er alles philosophisch Erstaunliche verliert.

623. Das Seltsame ist, daß ich in so einem Falle immer sagen möchte (obwohl es falsch ist): »Ich weiß das – soweit man so etwas wissen kann.« Da ist unrichtig, aber es steckt etwas Richtiges dahinter.

624. Kannst du dich darin irren, daß diese Farbe auf deutsch »grün« heißt? Meine Antwort darauf kann nur »Nein« sein. Sagte ich »Ja, – denn eine Verblendung ist immer möglich«, so hieße das gar nichts.

Ist denn der Nachsatz etwas dem Andern Unbekanntes? Und wie ist er mir bekannt?

625. Heißt das aber, daß es undenkbar wäre, daß das Wort »grün« hier aus einer Art von Versprechen oder momentaner Verwirrung entspringt? Kennen wir solche Fälle nicht? – Man kann einem auch sagen: »Du hast dich nicht vielleicht versprochen?« Das heißt etwa: »Überleg dir’s noch einmal.« –

Aber diese Vorsichtsmaßregeln haben nur Sinn, wenn sie einmal zu einem Ende kommen.

Ein Zweifel ohne Ende ist nicht einmal ein Zweifel.

626. Es heißt auch nichts, zu sagen: »Der deutsche Name dieser Farbe ist gewiß ›grün‹, –  es sei denn, ich verspreche mich jetzt oder bin irgendwie verwirrt.«

627. Müßte man diese Klausel nicht in alle Sprachspiele einschieben? (Wodurch sich ihre Sinnlosigkeit zeigt.)

628. Wenn man sagt »Gewisse Sätze müssen vom Zweifel ausgeschlossen werden«, dann scheint es, als sollte ich diese Sätze, z. B. daß ich L. W. heiße, in ein Buch der Logik aufnehmen. Denn wenn es zur Beschreibung des Sprachspiels gehört, so gehört es zur Logik. Aber daß ich L. W. heiße, gehört nicht zu so einer Beschreibung. Das Sprachspiel, das mit Personennamen operiert, kann wohl bestehen, wenn ich mich in meinem Namen irre, – aber es setzt voraus, daß es unsinnig ist zu sagen, die Mehrzahl der Menschen irre sich in ihren Namen.

629. Anderseits aber ist es richtig, wenn ich von mir aussage »Ich kann mich in meinem Namen nicht irren«, und falsch, wenn ich sage »Vielleicht irre ich mich«. Aber das bedeutet nicht, daß es für Andre sinnlos ist anzuzweifeln, was ich für sicher erkläre.

630. Sich in der Muttersprache über die Bezeichnung gewisser Dinge nicht irren können ist einfach der gewöhnliche Fall.

631. »Ich kann mich darin nicht irren« kennzeichnet einfach eine Art der Behauptung.

632. Sichere und unsichere Erinnerung. Wäre die sichere Erinnerung nicht im allgemeinen zuverlässiger, d. h. würde sie nicht öfter durch andere Verifikationen bestätigt als die unsichere, dann würde der Ausdruck der Sicherheit und Unsicherheit nicht seine gegenwärtige Funktion in der Sprache haben.

633. »Ich kann mich darin nicht irren« – aber wie, wenn ich mich dann doch geirrt habe? Ist denn das nicht möglich? Aber macht es den Ausdruck »Ich kann mich etc.« zum Unsinn? Oder wäre es besser, statt dessen zu sagen »Ich kann mich darin schwerlich irren«? Nein; denn dies heißt etwas andres.

634. »Ich kann mich darin nicht irren; und schlimmstenfalls mache ich aus meinem Satze eine Norm.«

635. »Ich kann mich darin nicht irren: ich bin heute bei ihm gewesen.«

636. »Ich kann mich darin nicht irren; sollte aber doch etwas gegen meinen Satz zu sprechen scheinen, so werde ich, gegen den Schein, an ihm festhalten.«

637. »Ich kann mich etc.« weist meiner Behauptung ihren Platz im Spiel an. Aber es bezieht sich wesentlich auf mich, nicht auf das Spiel im allgemeinen. Wenn ich mich in meiner Behauptung irre, so nimmt das dem Sprachspiel nicht seinen Nutzen.

25.4.

638. »Ich kann mich darin nicht irren« ist ein gewöhnlicher Satz, der dazu dient, den Gewißheitswert einer Aussage anzugeben. Und nur in seinem alltäglichen Gebrauch ist er berechtigt.

639. Aber was zum Teufel hilft er, wenn ich mich – zugegebenermaßen – in ihm irren kann und also auch in dem Satz, den er stützen sollte?

640. Oder soll ich sagen, der Satz schließe eine bestimmte Art des Fehlers aus?

641. »Er hat mir das heute gesagt – darin kann ich mich nicht irren.« – Wenn es sich aber doch als falsch erwiese?! – Muß man da nicht einen Unterschied machen in der Art und Weise, wie sich etwas »als falsch erweist«? – Wie kann es denn erwiesen werden, daß meine Aussage falsch war? Hier steht doch Evidenz gegen Evidenz, und es muß entschieden werden, welche weichen soll.

642. Wenn man aber mit dem Bedenken kommt: Wie, wenn ich plötzlich sozusagen aufwachte und sagte »Jetzt hab ich mir eingebildet, ich heiße L. W.! – wer sagt denn, daß ich nicht noch einmal aufwache und nun dies als sonderbare Einbildung erkläre, usf.

643. Man kann sich freilich einen Fall vorstellen, und es gibt Fälle, wo man nach dem »Aufwachen« nie mehr daran zweifelt, was Einbildung und was Wirklichkeit war. Aber so ein Fall, oder seine Möglichkeit, diskreditiert den Satz »Ich kann mich darin nicht irren« nicht.

644. Würde denn sonst nicht alle Behauptung so diskreditiert?

645. Ich kann mich darin nicht irren, – aber ich mag wohl einmal, mit Recht oder mit Unrecht, einzusehen glauben, ich sei nicht urteilsfähig gewesen.

646. Wenn das immer oder oft vorkäme, würde es allerdings den Charakter des Sprachspiels gänzlich verändern.

647. Es ist ein Unterschied zwischen einem Irrtum, für den, sozusagen, ein Platz im Spiel vorgesehen ist, und einer vollkommenen Regelwidrigkeit, die ausnahmsweise vorkommt.

648. Ich kann auch den Andern davon überzeugen, daß ich mich »darin nicht irren kann«.

Ich sage Einem: »Der und der war heute vormittag bei mir und hat mir das und das erzählt.« Wenn es erstaunlich ist, so fragt er mich vielleicht: »Du kannst dich nicht darin irren?« Das mag heißen: »Ist das auch gewiß heute vormittag geschehen?«, oder aber:

»Hast du ihn auch gewiß recht verstanden?« – Es ist leicht zu sehen, durch welche Ausführungen ich zeigen könnte, daß ich mich in der Zeit nicht geirrt habe, und ebenso, daß ich die Erzählung nicht mißverstanden habe. Aber alles das kann nicht zeigen, daß ich die ganze Sache nicht geträumt oder sie mir traumhaft eingebildet habe. Es kann auch nicht zeigen, daß ich mich nicht vielleicht durchgehend versprochen habe. (So etwas kommt vor.)

649. (Ich sagte einmal jemandem – auf englisch –, die Form eines bestimmten Zweiges sei charakteristisch für den Zweig einer Ulme [elm], was der Andre bestritt. Wir kamen dann an Eschen vorbei, und ich sagte »Siehst du, hier sind die Zweige, von denen ich gesprochen habe«. Worauf er: »But that’s an ash« – und ich: »I always meant ash when I said elm.«)

650. Das heißt doch: die Möglichkeit eines Irrtums läßt sich in gewissen (und häufigen) Fällen eliminieren. – So eliminiert man (ja auch) Rechnungsfehler. Denn wenn eine Rechnung unzählige Male nachgerechnet worden ist, so kann man nun nicht sagen: »Ihre Richtigkeit ist dennoch nur sehr wahrscheinlich, – da sich immer noch ein Fehler eingeschlichen haben kann.« Denn angenommen, es schiene nun einmal, daß ein Fehler entdeckt worden sei – warum sollen wir nicht hier einen Fehler vermuten?

651. Ich kann mich nicht darin irren, daß 12 × 12 = 144 ist. Und man kann nun nicht mathematische Sicherheit der relativen Unsicherheit von Erfahrungssätzen entgegenstellen. Denn der mathematische Satz wurde durch eine Reihe von Handlungen erhalten, die sich in keiner Weise von Handlungen des übrigen Lebens unterscheiden und die gleichermaßen dem Vergessen, Übersehen, der Täuschung ausgesetzt sind.

652. Kann ich nun prophezeien, daß Menschen die heutigen Rechensätze nie umstürzen werden, nie sagen werden, jetzt wüßten sie erst, wie es sich verhalte? Aber würde das einen Zweifel unsrerseits rechtfertigen?

653. Wenn der Satz 12 × 12 = 144 vom Zweifel ausgenommen ist, dann müssen’s auch nicht–mathematische Sätze sein.

26.4.51

654. Aber darauf kann man manches einwenden. – Erstens ist eben »12 × 12 etc.« ein mathematischer Satz, und daraus kann man folgern, daß nur solche Sätze in dieser Lage sind. Und wenn diese Folgerung nicht berechtigt ist, so sollte es einen ebenso sichern Satz geben, der vom Vorgang jener Rechnung handelt, aber nicht mathematisch ist. – Ich denke an einen Satz etwa dieser Art: »Die Rechnung »12 × 12« wird, wenn Rechenkundige sie ausführen, in der großen Mehrzahl der Fälle »144« ergeben.« Diesen Satz wird niemand bestreiten, und er ist natürlich kein mathematischer. Aber hat er die Gewißheit des mathematischen?

655. Dem mathematischen Satz ist gleichsam offiziell der Stempel der Unbestreitbarkeit aufgedrückt worden. D. h.: »Streitet euch um andre Dinge; das steht fest, ist eine Angel, um die sich euer Streit drehen kann.«

656. Und das kann man nicht vom Satz sagen, daß ich L. W. heiße. Auch nicht von dem Satze, daß die und die Menschen die und die Rechnung richtig gerechnet haben.

657. Die Sätze der Mathematik, könnte man sagen, sind Petrefakten. – Der Satz »Ich heiße ...« ist dies nicht. Aber von denen, die, wie ich, die überwältigende Evidenz haben, wird auch er als unumstößlich betrachtet. Und das nicht aus Gedankenlosigkeit.

Denn, daß die Evidenz überwältigend ist, besteht eben darin, daß wir uns vor keiner entgegenstehenden Evidenz beugen müssen. Wir haben also hier einen Widerhalt ähnlich wie den, der die Sätze der Mathematik unumstößlich macht.

658. Die Frage »Aber könntest du nicht jetzt in einem Wahn befangen sein und vielleicht später herausfinden, daß du’s warst?« könnte man auch auf jeden Satz des Einmaleins einwerfen.

659. »Ich kann mich darin nicht irren, daß ich jetzt gerade zu Mittag gegessen habe.«

Ja, wenn ich Einem sage »Ich habe gerade zu Mittag gegessen«, mag er glauben, daß ich lüge oder jetzt nicht bei Sinnen bin, aber er wird nicht glauben, ich irre mich. Ja, die Annahme, ich könnte mich irren, hat hier keinen Sinn.

Aber das stimmt nicht. Ich könnte z. B. gleich nach Tisch, ohne es zu wissen, eingenickt sein und eine Stunde geschlafen haben und nun glauben, ich hätte gerade gegessen.

Aber ich unterscheide hier immerhin zwischen verschiedenen Arten des Irrtums.

660. Ich könnte fragen: »Wie könnte ich mich darin irren, daß ich L. W. heiße?« Und ich kann sagen: Ich sehe nicht, wie es möglich wäre.

661. Wie könnte ich mich in der Annahme irren, daß ich nie auf dem Mond war?

662. Wenn ich sagte »Ich bin nicht auf dem Mond gewesen – aber ich kann mich irren«, so wäre das blödsinnig.

Denn selbst der Gedanke, ich hätte ja, durch unbekannte Mittel, im Schlaf dorthin transportiert worden sein können, gäbe mir kein Recht, hier von einem möglichen Irrtum zu reden. Ich spiele das Spiel falsch, wenn ich es tue.

663. Ich habe ein Recht zu sagen »Ich kann mich hier nicht irren«, auch wenn ich im Irrtum bin.

664. Es ist ein Unterschied: ob man in der Schule lernt, was in der Mathematik richtig und falsch ist, oder ob ich selbst erkläre, ich könne mich in einem Satz nicht irren.

665. Ich setze hier dem, was allgemein festgelegt ist, Besonderes hinzu.

666. Aber wie ist es z. B. mit der Anatomie (oder einem großen Teil derselben)? Ist nicht auch, was sie beschreibt, von allem Zweifel ausgenommen?

667. Auch wenn ich zu einem Volk käme, das glaubt, die Menschen würden im Traum auf den Mond versetzt, könnte ich ihnen nicht sagen: »Ich war nie auf dem Mond. – Natürlich kann ich mich irren.« Und auf ihre Frage »Kannst du dich nicht irren?« müßte ich antworten: Nein.

668. Welche praktischen Folgen hat es, wenn ich eine Mitteilung mache und dazusetze, ich könne mich darin nicht irren?

(Ich könnte statt dessen auch hinzusetzen: »Ich kann mich darin sowenig irren, wie darin, daß ich L. W. heiße.«)

Der Andre könnte dennoch an meiner Aussage zweifeln. Aber nicht nur wird er, wenn er mir traut, sich von mir belehren lassen, sondern er wird auch bestimmte Schlüsse aus meiner Überzeugung auf mein Verhalten ziehen.

669. Der Satz »Ich kann mich darin nicht irren« wird sicher in der Praxis gebraucht. Man kann aber bezweifeln, ob er dann in ganz strengem Sinne zu verstehen ist, oder ob er eher von der Art einer Übertreibung ist, die vielleicht nur zum Zweck der Überredung gebraucht wird.

27.4.

670. Man könnte von Grundprinzipien der menschlichen Forschung reden.

671. Ich fliege von hier nach einem Weltteil, wo die Menschen nur unbestimmte oder wo sie gar keine Nachricht von der Möglichkeit des Fliegens haben. Ich sage ihnen, ich sei soeben von ... zu ihnen geflogen. Sie fragen mich, ob ich mich irren könnte. – Sie haben offenbar eine falsche Vorstellung davon, wie die Sache vor sich geht. (Wenn ich in eine Kiste gepackt würde, wäre es möglich, daß ich mich über die Art des Transportes irrte.) Sage ich ihnen einfach, ich könne mich nicht irren, so wird sie das vielleicht nicht überzeugen; wohl aber, wenn ich ihnen den Vorgang beschreibe. Sie werden darin die Möglichkeit eines Irrtums gewiß nicht in Frage ziehen. Dabei könnten sie aber – auch wenn sie mir trauen – glauben, ich habe geträumt oder ein Zauber habe mir das eingebildet.

672. »Wenn ich der Evidenz nicht traue, warum soll ich dann irgendeiner Evidenz trauen?«

673. Ist es nicht schwer zu unterscheiden zwischen den Fällen, in denen ich mich nicht, und solchen, worin ich mich schwerlich irren kann? Ist es immer klar, zu welcher Art ein Fall gehört? Ich glaube nicht.

674. Es gibt nun aber bestimmte Typen von Fällen, in denen ich mit Recht sage, ich könne mich nicht irren, und Moore hat ein paar Beispiele solcher Fälle gegeben.

Ich kann verschiedene typische Fälle aufzählen, aber keine allgemeine Charakteristik angeben. (N. N. kann sich darin nicht irren, daß er vor wenigen Tagen von Amerika nach England geflogen ist. Nur wenn er närrisch ist, kann er etwas andres für möglich halten.)

675. Wenn Einer glaubt, vor wenigen Tagen von Amerika nach England geflogen zu sein, so glaube ich, daß er sich darin nicht irren kann.

Ebenso, wenn Einer sagt, er sitze jetzt am Tisch und schreibe.

676. »Aber wenn ich mich auch in solchen Fällen nicht irren kann, – ist es nicht möglich, daß ich in der Narkose bin?« Wenn ich es bin und wenn die Narkose mir das Bewußtsein raubt, dann rede und denke ich jetzt nicht wirklich. Ich kann nicht im Ernst annehmen, ich träume jetzt. Wer träumend sagt »Ich träume«, auch wenn er dabei hörbar redete, hat so wenig recht, wie wenn er im Traum sagt »Es regnet«, während es tatsächlich regnet. Auch wenn sein Traum wirklich mit dem Geräusch des Regens zusammenhängt.